Wurzeln geschlagen in der oberschwäbischen Diaspora

Hellger Koepff im Garten des Pfarrhauses im Maliweg. Nach mehr als 16 Jahren endet nun seine Zeit als Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Biberach. (Foto: Gerd Mägerle)

„Ich habe hier Wurzeln geschlagen“, sagt Hellger Koepff. Seit 2003 war er in Biberach als evangelischer Dekan tätig. Die Amtszeit endet offiziell zwar erst am 30. November, aber bereits am kommenden Sonntag wird er verabschiedet. „Ich habe das Amt des Dekans gerne ausgeübt, ich bin aber auch froh, dass ich künftig nicht mehr jeden Abend einen Termin habe“, gibt der 65-Jährige ehrlich zu, der in den vergangenen gut 16 Jahren im evangelischen Kirchenbezirk Biberach viel bewegt hat.

Aus Bad Boll kam Hellger Koepff zusammen mit seiner Frau Annette Roser-Koepff im Mai 2003 nach Biberach. Aus einer starken evangelischen Stadtgemeinde ging es in die oberschwäbische Diaspora - in den flächenmäßig größten Kirchenbezirk der Landeskirche mit der geringsten Dichte an evangelischen Christen. Für Hellger Koepff eine neue Erfahrung: „Die Gemeindeglieder treffen sich im Alltag nicht, weil sie nicht in direkter Nachbarschaft wohnen. Das ist anders als in den katholischen Gemeinden und macht manches sehr viel schwieriger. In meiner Anfangszeit als Dekan habe ich viele Visitationen in den Gemeinden gemacht, da habe ich viel über das Christsein in der Diaspora gelernt.“

Die Diaspora bringe auch mehr Freiheiten mit sich, um Neues auszuprobieren, findet Koepff. „Da ist eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit dem Glauben vorhanden. Der Pietismus spielt da eine eher untergeordnete Rolle.“ Manches sei dabei - auch auf evangelischer Seite - geprägt von der katholischen, barocken Lebensart, die man in Oberschwaben findet. Dazu gehöre auch das Bild des Priesters.

Biberach gleich lieb gewonnen

Biberach habe er vor seiner Dekanzeit nur vom Durchfahren in die Berge gekannt, sagt Hellger Koepff. „Als ich das erste Mal in der Altstadt war, da hatte es für mich etwas Österreichisches - die vielen Fensterläden, die barocken Figuren an den Hausfassaden. Ich habe das gleich lieb gewonnen.“ Ebenso auch einige Biberacher Besonderheiten. „Ich konnte mir nicht vorstellen, was das Schützenfest bedeutet. Das habe ich kennengelernt als riesigen identitätsstiftenden Faktor und als gigantisches Ehrenamtsprojekt.“

Auf kirchlicher Seite war für ihn auch das Simultaneum etwas Besonderes. „Ich habe das schätzen gelernt, gerade bei ökumenischen Gottesdiensten. Da geht jeder in seine eigene Kirche, die aber dieselbe ist.“ Auch die Verbundenheit der Pfarrer auf evangelischer und katholischer Seite sei sehr hoch. „Das bedeutet aber auch ein hohes Maß an gemeinsamer Verantwortung“, sagt Hellger Koepff.

In mehr als 16 Jahren hat er allerdings auch Veränderungen erlebt, die es zu meistern galt. „Auch bei uns geht die Zahl der Gemeindeglieder zurück, allerdings am geringsten von allen Kirchenbezirken in der Landeskirche.“ Hinzu kommt darüber hinaus auch der Rückgang der Pfarrer und der Kirchensteuer. Zwei Pfarrstellen sind in den vergangenen Jahren im Kirchenbezirk weggefallen. „Die Kürzung war bei uns im Vergleich zu anderen Kirchenbezirken gering, trotzdem greift man in ein gewachsenes Gefüge ein“, sagt der Dekan. Die Herausforderung sei, auch mit weniger Ressourcen so aufgestellt zu sein, dass der Kirchenbezirk zukunftsfähig sei.

Noch nicht abgeschlossen ist der Prozess, den Bestand an kirchlichen Immobilien zu reduzieren und verschiedene Dienste und Angebote am Standort des Martin-Luther-Gemeindehauses in der Waldseer Straße zu bündeln. Dort soll ein Neubau entstehen. Über das Stadium der Vorplanung ist das Projekt jedoch noch nicht hinaus. „Ich hatte ursprünglich die Hoffnung, das neue Gebäude selbst einweihen zu können.“ Nun wird Koepff dieses Aufgabenpaket an seinen Nachfolger Matthias Krack übergeben, der sein Amt im Frühjahr 2020 antritt.

Fusion war der richtige Schritt

Wachsen muss aus Koepffs Sicht auch noch das Zusammenwirken der Biberacher Kirchengemeinden Stadtpfarrkirche, Heilig-Geist-Kirche und Bonhoefferkirche, die im September 2018 zu einer einzigen Gemeinde fusionierten. „Das ist ein bisweilen schwieriger Prozess, weil wir nun die Dezentralisierung wieder umkehren, die vor rund 30 Jahren eingeführt wurde.“ Mit Blick auf die anstehenden Aufgaben sei die Fusion aber der richtige Schritt gewesen.

Der evangelischen Kirche will Hellger Koepff auch nach seinem Abschied aus dem Dekanamt erhalten bleiben. „Ich kandidiere wieder für die Landessynode, die am 1. Dezember gewählt wird.“ Er wolle in diesem Kirchenparlament gerne weiter seine Erfahrungen einbringen, „künftig mit etwas mehr Zeit“. Auch der Wohnort von Hellger Koepff und seiner Frau, die als Gefängnisseelsorgerin in Ulm tätig ist, wird Biberach bleiben. Aus der Pfarrwohnung im Maliweg sind sie bereits ins Talfeld umgezogen. „Wir fühlen uns hier wohl“, sagt er. Für die Zeit des Ruhestands wünscht sich Hellger Koepff, mehr Zeit zu haben, um die oberschwäbische Landschaft und das Gebirge zu genießen. „Ich möchte mehr Rad fahren und mir auch mal spontan Zeit für Dinge nehmen, beispielsweise für eine schöne Ausstellung.“ Und ein großes Ziel steht auch noch an: „Ich möchte endlich Italienisch lernen.“

Dekan Hellger Koepff wird am Sonntag, 10. November, ab 16 Uhr mit einem Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche St. Martin durch Prälatin Gabriele Wulz verabschiedet, anschließend gibt es einen Empfang mit Grußworten im Martin-Luther-Gemeindehaus.


Text von Gerd Mägerle, Schwäbische Zeitung Biberach