Ravensburger Erklärung

Vor-Ort-Initiative eckt am katholischen Kirchenrecht an
Christen beider Konfessionen wollen die "Ravensburger Erklärung" nicht aufgeben
Die gegenseitige Einladung zu Kommunion und Abendmahl ist für viele Katholiken und Protestanten ein brennendes Thema. Die "Ravensburger Erklärung" als ein örtliches Modell hatte im vergangenen Jahr vielen Menschen Hoffnung gemacht. Die hatte bereits kurz nach der Veröffentlichung einen Dämpfer erhalten, der jetzt öffentlich wurde. "Mit dieser Erklärung haben wir eine Erwartung erzeugt, die wir leider so nicht erfüllen können", schreibt die katholische Kirchengemeinde auf ihrer Homepage.

In der im Rahmen des Reformationsjubiläums verfassten Erklärung "Gemeinsam an einem Tisch" hatten evangelische und katholische Kirchengemeinde und die Stadt zu dem Thema erklärt: "Hier vor Ort beginnen wir einen gemeinsamen Weg." Dieser beinhaltete die gegenseitige offene Einladung zu Abendmahl und Eucharistie.

Doch nun ist nachzulesen: "In einem Gespräch zwischen Bischof Fürst und Pfarrer Riedle im November 2017 hat Bischof Fürst die Rechtsgrundlage der katholischen Kirche dargelegt, die eine Zulassung eines evangelischen Christen nur im Einzelfall vorsieht." Und weiter: "Eine offene Einladung an alle ist (noch) nicht möglich."

Der evangelische Pfarrer Martin Henzler-Hermann sagte am Donnerstag gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd), er werde weiterhin ganz offiziell "die Geschwister im Glauben" zum Abendmahl einladen. Die Verärgerung in Ravensburg über den Rückzieher auf katholischer Seite sei sehr groß. Doch er hoffe auf "eine Abstimmung mit den Füßen": dass sich nämlich Katholiken nicht nehmen lassen, zum Abendmahl mit evangelischen Christen zu kommen und umgekehrt.

Henzler-Hermann ist betroffen, dass die geplante gemeinsame Feier "Ein Jahr Ravensburger Erklärung" am vergangenen Freitag zu einem Schweigemarsch wurde. Außerdem sagt er: "Ich fände angemessen, wenn der Bischof käme und seine Bewertung öffentlich erklären würde."

Bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart verweist die stellvertretende Pressesprecherin Manuela Pfann auf das für die katholische Kirche weltweit gültige Kirchenrecht: Eine Eucharistiegemeinschaft setze nach katholischem Verständnis eine Kirchengemeinschaft voraus. Und die ist noch nicht gegeben.
Katholiken glauben, dass sich Brot und Wein in der Liturgie tatsächlich in Leib und Blut Jesu Christi verwandeln. Lutheraner verstehen die Bibel dagegen so, dass Jesus Christus im Abendmahl real gegenwärtig ist, aber ohne Verwandlung von Brot und Wein. Die evangelisch-reformierte Lehre, etwa bei Johannes Calvin, besagt, dass Brot und Wein nur Symbole sind. Trotz des unterschiedlichen Verständnisses pflegen Lutheraner und Reformierte Abendmahlsgemeinschaft - allerdings erst seit 1973.
Manuela Pfann sagt weiter, es sei "auch für Bischof Fürst schmerzlich, dass derzeit kein gemeinsames Abendmahl möglich ist". Ihm sei jedoch ein wichtiges Anliegen, Schritte zu einem gemeinsamen Kommunionempfang zu gehen und das Trennende der beiden Kirchen zu überwinden. "Eine offene Einladung indes an alle evangelischen Christen ist derzeit noch nicht möglich, begründet in Dogmatik und Kirchenrecht."

Der evangelische Ravensburger Dekan Friedrich Langsam sagt, die Ravensburger hätten sich mit dem vom Ravensburger Konzil 2013 - einem katholischen, ökumenisch offenen Dialogforum - angestoßenen Prozess eine Öffnung in dieser Frage erhofft. Die aktuelle Entwicklung werde als "Rückschritt in der Annäherung der beiden Konfessionen" empfunden. Die evangelische Kirche lade weiter offen ein, weil "zum Abendmahl nicht Pfarrer als kirchliche Vertreter, sondern Jesus Christus, der Herr der Kirche einlädt".
Der Arbeitskreis "Kirche lädt ein" teilte beim Schweigemarsch mit: "Wir wollen gemeinsam mahnen, wachen und jede und jeden von uns daran erinnern, dass wir uns die unterzeichnete Ravensburger Erklärung nicht nehmen lassen werden." Und weiter: "Bischof Dr. Gebhardt Fürst hat unseres Wissen nach niemand dazu aufgefordert, die Erklärung zurückzunehmen oder diese als nichtig zu erklären."
Der Ravensburger Ökumeneausschuss hat ebenfalls dazu aufgerufen, weiter Gemeinschaft und Gastfreundschaft zu pflegen. Oliver Hoesch, Sprecher der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, pflichtet dem bei: "Die einladende evangelische Position zur Ökumene ist ja klar, im Reformationsjubiläumsjahr noch mal vertieft worden und vorangekommen."

Kirchenrätin Christiane Kohler-Weiß, die württembergische Beauftragte für das Reformationsjubiläum, versteht die Ravensburger Enttäuschung: "Es ist einfach bitter, wenn Schwung ausgebremst wird." Eine tragfähige Ökumene brauche beides: die Ungeduld von Menschen, die mutig vorangehen, und den Dienst an der Einheit der Kirche. "Letzterer gehört eben zum Amt eines Bischofs", wirbt sie um Verständnis für Fürst. Kohler-Weiß hält am Reformationstag (31. Oktober) den Festvortrag in Ravensburg als Rückblick auf das Reformationsjubiläum 2017.

Ravensburg hat eine besondere Geschichte der Ökumene. In der ehemals freien Reichsstadt teilten Katholiken und Protestanten Ämter paritätisch. Bis 1806 teilten sich auch beide Konfessionen eine Kirche.

(2421/25.10.2018) - epd lbw mu- moc - Von Susanne Müller (epd)