Das größte musikalische Werk der Christenheit erklingt

Die Evangelische Kantorei führt in St. Martin die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach auf.
Unter Leitung von Ralf Klotz hat die Evangelische Kantorei eine großartige Aufführung eines Meisterwerks von Johann Sebastian Bach gestaltet. Die Passion ist der Bericht vom Leiden und Sterben Jesu Christi nach dem Evangelium des Matthäus. Ergänzt wird sie um eingestreute Choräle und Dichtungen von Picander in freien Chören und Arien. Christian Friedrich Henrici (Pseudonym Picander) war im 18. Jahrhundert ein produktiver Gelegenheitsdichter des späten Barock, der wichtigste Textdichter Bachs und dessen Freund. Und Bach zeichnet in faszinierender Eindringlichkeit und Meisterschaft den unbeirrbaren Weg Christi in den qualvollen Tod, schildert unmittelbar Beteiligte wie Judas, Petrus, Pilatus mit ihren Gefühlen.

Fünf Gesangssolisten gestalteten die Arien und Rezitative, erzählten das Geschehen: Die Soprane Pinelopi Argyropoulou und Alina Klotz, die Altistin Beatriz Baptista-Simöes, die Tenöre Joachim Streckfuß (Evangelist) und Juan Pablo Marin, der Bariton Ulrich Wand (Jesus). Die Sänger gestalteten mit spezifisch oratorischem Klang und unterschiedlich sparsam eingesetztem Vibrato, alle textlich sehr gut verständlich.

Zwischendurch fast vergessen

Dieses gewaltige Werk ist ein absoluter Höhepunkt der Kirchenmusik. Die Uraufführung war am 11. April 1727 in der Thomaskirche in Leipzig. Nach Bachs Tod geriet das Oratorium in Vergessenheit. Die Wiederaufführung unter dem 20-jährigen Felix Mendelssohn-Bartholdy im Jahr 1829 in der Berliner Singakademie leitete eine gewaltige Bach-Renaissance ein. Ein damals kolportierter Satz: „Nicht alle glauben an Gott, aber alle glauben an Bach.“ Das grandiose dramatisch-epische Werk entfaltet seine beeindruckende Wirkung durch die doppelte Anlage von Chor und Orchester, die Chorsätze sind häufig dialogisch angelegt. Beide Teile des Werks werden durch groß angelegte Chöre der Kantorei und der St.-Martins-Chorknaben eröffnet und abgeschlossen. Kontemplative Arien offenbaren das Leiden Jesu. Zwischen Rezitativen, Chören und Arien stehen die Choräle in Bezug auf die dramatischen Höhepunkte der Handlung. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ des Theologen und Kirchenlied-Dichters aus dem 17. Jahrhundert, Paul Gerhardt, der mit verschiedenen Strophen und Harmonisierungen fünf Mal erklingt, der dem Werk Geschlossenheit gibt.

Das Oratorium besteht aus einem etwas kürzeren ersten Teil, der von den Mordplänen der jüdischen Verantwortlichen, Jesu Salbung in Bethanien, dem letzten Pessachmahl und der Gefangennahme in Gethsemane handelt. Der zweite Teil schildert das Verhör vor dem jüdischen Rat, die Verleugnung des Petrus, die Verurteilung durch Pilatus, Jesu Verspottung sowie Kreuzigung, Tod und Begräbnis.

Symbol für Allzumenschliches


Im Rückgriff auf alte theologische Deutungstraditionen der Passionsgeschichte Jesu werden nicht die Juden oder einzelne Personen als Verursacher des Leidens ausgemacht. Es gibt weder eindeutig gute noch eindeutig schlechte Protagonisten, vielmehr sind alle Menschen gleichermaßen Sünder. Die Jünger, Judas, Petrus sind - nach Heinrich Barthelmes - nur Symbolgestalten für allgemeinmenschliches Verhalten.

Zu Bachs Zeiten wurde zwischen beiden Teilen eine Predigt von etwa einer Stunde Dauer gehalten. In St. Martin unterbrach Ralf Klotz ebenfalls für einige Minuten. In der Matthäus-Passion arbeitet Bach vielfach mit musikalischen Symbolen, die im allgemeinen Bewusstsein seiner Zeitgenossen verankert waren. So werden etwa bei den Rezitativen die Worte Jesu stets im Arioso von Streicherakkorden begleitet, die das Göttliche symbolisieren. Die handelnden Menschen hingegen werden durch den Generalbass gestützt. Erst als Jesus am Kreuz die letzten Worte spricht und seine Gottverlassenheit beklagt, verstummen die Streichinstrumente.

Dieses gewaltige, optimal einstudierte Werk mit den Gesangssolisten, mit großem Chor der Evangelischen Kantorei, den St.-Martins-Chorknaben und der 30-köpfigen „Capella Novanta“ unter Konzertmeister Günther Luderer gestaltete der musikalische Leiter Ralf Klotz zu einem künstlerischen Großereignis des noch frühen Konzertjahres.

Text/Foto von Günter Vogel