„Kirche soll sich klar positionieren“

Die evangelische Pfarrerin Andrea Luiking verlässt die Versöhnungskirchengemeinde in Ummendorf und die Gesamtkirchengemeinde Biberach. Sie wird vom 1. März an Geschäftsführerin im Haus der Begegnung, dem Bildungszentrum der evangelischen Gesamtkirchengemeinde in Ulm. Vor dem Abschiedsgottesdienst am Sonntag hat Markus Dreher mit ihr gesprochen.

Es ist gar nicht ungewöhnlich, als Pfarrerin nach neun Jahren zu wechseln. Was hat Sie an der neuen Stelle in Ulm gereizt?

Das passt perfekt, da konnte ich nicht widerstehen. Die Tätigkeit führt fort, was ich hier mit dem Kirchengemeinderat gerne gemacht habe, wie Kunstausstellungen in der Kirche, Gottesdienste zu besonderen Themen. Hier lief das neben der Gemeindearbeit, in Ulm wird es mein Schwerpunkt. Insofern kann ich da meine Leidenschaft noch mal besser ausgestalten. Ich bin 52 und es war klar, dass ich nicht bis 67 hier in der Gemeinde bleiben kann. Eine andere Kirchengemeinde konnte ich mir nicht vorstellen, weil wir hier so glücklich waren. Ich glaube übrigens, dass ein Wechsel auch für Gemeinde gut ist.

Auch als Vorsitzende des Evangelischen Bildungswerks Oberschwaben hören Sie damit auf.

Ja, beide Funktionen sind gekoppelt. Die Leitungsfunktion beim EBO war vor allem mit konzeptioneller Arbeit und dem Ausprobieren von Veranstaltungsformaten verbunden. Auch in Ulm wird’s um die Konzeption der Bildungsarbeit gehen, aber daneben kann ich viel mehr Veranstaltungen selber durchführen. Ulm bietet zudem aufgrund seiner Größe und des Kulturangebots viele Möglichkeiten, aber vor allem werde ich mehr Zeit dafür haben.

Sie sagten schon, dass es Ihnen hier gut gefallen hat. Was besonders?


Die warmherzige und offene Atmosphäre, mein Mann und ich fühlen uns hier wohl und aufgehoben. Wir mögen einfach die Menschen hier. Ich war ja schon in einigen Kirchengemeinden und kann sagen, es ist hier ein besonderer Umgang miteinander. In den Gottesdiensten spürte ich hier eine große innere Beteiligung der Besucher. Wir standen miteinander vor Gott, das habe ich woanders auch schon anders erlebt, allein schon aufgrund der räumlichen Distanz in größeren Kirchen. Deshalb fällt mir der Abschied auch schwer. Aber lebens- und berufsbiografisch war jetzt etwas Neues dran. Ulm ist ja nicht allzu weit weg, wir wollten hier in der Region bleiben. Es ist auch gut, sich immer wieder zu fordern. Ich war noch nie Geschäftsführerin eines Bildungshauses und es wird anfangs sicher anstrengend, da die Routine für neue Aufgaben fehlt, aber Neues macht mir auch Spaß.

Ein Wechsel gibt Anlass für eine Bilanz: Was haben Sie in den Jahren hier in Ummendorf erreicht?

Ich bin froh, dass bei den Umbaumaßnahmen an der Versöhnungskirche das Dringendste erledigt ist, die Finanzen dafür stehen und ich das einem Nachfolger ohne Hypothek übergeben kann – wozu viele Beteiligte beigetragen haben. Im Gemeindeleben hat sich vieles eingespielt, zum Beispiel hat mir ein Gemeindemitglied gesagt, wie schön es sei, dass die Konfirmanden und ihre Familien hier so stark eingebunden sind. Das habe ich immer gern gemacht. Und es gab eine Öffnung zur Dorfgemeinschaft hin, auch in der Ökumene ist alles durchlässiger geworden. Die gemeinsame Feier von Eucharistie und Abendmahl, eine gemeinsame Predigt auf dem Kreuzberg – das waren sichtbare Meilensteine, dass wir zusammengehören.

Überhaupt verstehen Sie Kirche so, dass sie auch in die Gesellschaft wirken soll, oder?

Ja, wir haben Lebensthemen der Menschen aufgegriffen wie den Verlust von Kindern oder aktuelle Themen wie Klima und Zukunft im Gespräch mit Jugendlichen, oder Fluchterfahrungen – aber nicht so, dass die Kirche etwas vorgibt, sondern dass wir offen miteinander ins Gespräch kommen. Und uns dabei von der biblischen Botschaft stärken lassen. Auch das Repair-Café ist ein Beispiel, ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft und für gegenseitige Unterstützung. Wir haben es als Kirchengemeinderat so verstanden, dass der Gottesdienst sonntags nicht getrennt ist von dem, was wir unter der Woche tun – das eine fließt aus dem anderen und ins andere.

Das Stichwort Flucht ist gefallen. Sie haben sich stark fürs Begegnungscafé engagiert.

Ich war von Anfang als Mitbürgerin beteiligt, als Flüchtlinge nach Ummendorf kommen sollten, um zu zeigen, dass wir als Christen an der großen Aufgabe der Integration mitwirken sollten. Gemacht haben das aber vor allem viele tolle Menschen. Mein Verständnis ist, dass wir als Kirche den Auftrag haben, uns in solchen Fragen zu engagieren und klar zu positionieren. Das wird nicht von jedem gutgeheißen, aber die Nachfolge Jesu Christi geht nicht ohne Widerstand. Und da das vom Kirchengemeinderat mitgetragen wurde, war das, was ich an Druck zu spüren bekam, gut auszuhalten.

Gibt es Dinge, die Sie nicht wie erwünscht abschließen konnten?

Ich bin sicher nicht in dem Maße in allen Orten unserer großen Gemeinde präsent gewesen, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich denke etwa an Familien in Rißegg. Überhaupt ist die Schwierigkeit dieser Stelle mit 16 Gemeinden, dass man ganz viel nicht schafft, was auch wichtig wäre.

Was ist beim Verabschiedungsgottesdienst am Sonntag zu erwarten?

Wir wollen gemeinsam anschauen, was gewachsen ist. Ich bin dankbar und staune, was alles entstanden ist, was mir möglich gemacht wurde. Das ist das vorherrschende Gefühl: Wow!

Text/Foto Markus Dreher, Schwäbische Zeitung