Gast­bei­trag: "Stol­per­stein" in der Zeit

Prälatin Gabriele Wulz. FOTO: KONI

Seit einiger Zeit - so scheint es mir - gibt es an Karfreitag mit großer Regelmäßigkeit immer wieder einen "Aufreger". Gefragt wird: Ist das strikte Tanzverbot an diesem Tag noch gerechtfertigt oder nicht. Je nach persönlicher Einstellung gibt es dann unterschiedliche Reaktionen, auch ziemlich heftige.

Während die einen mit der sinkenden Zahl der Christen hierzulande argumentieren, fühlten sich andere im Innersten durch diese Angriffe verletzt und provoziert. Ziemlich überrascht hat mich in der Debatte ein Ulmer Clubbesitzer, der meinte, ein Tag Unterbrechung im Feiern wäre wichtig und täte gut. Sind die "Kinder der Welt" vielleicht manchmal doch klüger als man zuweilen meint?

Aber ganz abgesehen von dieser Diskussion tun wir uns - unabhängig von Tradition und persönlicher Wertevorstellung - mit diesem Tag nicht leicht. Auch ich nicht. Auch ich will lieber Geschichten, die gut ausgehen, und das Elend und die Not dieser Welt überfordern mich. Was in den Kriegsgebieten dieser Welt geschieht, kann ich im Grunde nicht fassen und nicht ermessen. Was Menschen einander antun, will ich im Grunde meines Herzens nicht glauben. Was Menschen erleiden müssen, ist unerträglich. Meine Ohnmacht klagt mich an, und in vieles bin ich verstrickt, ohne es zu wollen.

Und da bin ich nun schon wieder bei diesem besonderen Tag, diesem "Stolperstein in der Zeit".

An diesem einen Tag erinnern wir uns, was geschehen ist und wovor wir uns sonst lieber abwenden.

An diesem einen Tag ist ein Ort, im Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth der "permanenten Passion" zu gedenken und zugleich Hoffnungsspuren zu entdecken.

Die Evangelien erzählen die Geschichte von Jesu Tod auf ganz unterschiedliche Weise. Und in jedem ihrer Berichte finde ich neben dem Schrecken auch Hilfe und Trost zum Leben.
Im Schrei des Gekreuzigten "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" kann ich meine eigene Gottverlassenheit erkennen und bekennen. In der Bitte "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" verwandeln sich meine Wünsche nach Rache und Vergeltung. Das Gebet "In deine Hände befehle ich meinen Geist" lässt aufatmen und schafft Ruhe. Und schließlich das "Es ist vollbracht", das das Ende der Not, aber auch die Vollendung des irdischen Lebens anzeigt.

Alle diese Worte sagen uns: Gott ist nicht nur da, wo wir von Lebendigkeit und Freude erfüllt sind, sondern auch da, wo Ohnmacht, Tod und Entsetzen uns lähmen. Ich bin fest davon überzeugt, dass in dieser Zuversicht, in dieser Hoffnung das Gegengift gegen die Todesverfallenheit unserer Zeit und unserer Welt steckt.

Gegen eine Haltung der Selbstoptimierung, gegen die Einschätzung, man müsse sein Leben selbst in der Hand haben und für das gute Ende selbst sorgen, steht Jesus, der den Weg der Liebe geht. Souverän. Nicht todessüchtig. Sondern dem Leben verpflichtet und darin immer ganz bei Gott. Darum geht es an diesem Tag und das ist es wert, bedacht zu werden. Auch öffentlich.