Baugeschichte der Friedenskirche Biberach

5. Juli 1964 die Grundsteinlegung

Als am Schützensonntag, dem 5. Juli 1964 die Grundsteinlegung stattfand, war die Friedenskirche zu ihrer Zeit nach 300 Jahren der erste Kirchenbau des evangelischen Biberach seit der Wiederherstel-lung der Heiliggeistkirche nach dem Dreißigjährigen Krieg. Das Wachstum der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg führte dazu, dass sich der zuständige Kirchengemeinderat Ende der fünfziger Jahre gleich mit zwei Neubauprojekten zu befassen hatte: Das Bedürfnis nach einem kirchlichen Sammelpunkt bestand nicht nur im Gaisental und am Weißen Bild sondern auch auf dem Mittel- und dem Galgenberg. Dem nordwestlichen Stadtteil wurde jedoch Priorität gegeben, weil die Auflösung des dortigen Flüchtlingslagers bevorstand, wo in der sogenannten "Saalbaracke" provisorisch Gottesdienst gehalten wurde.

Die kirchliche Verwaltung war schon seit 1958 auf der Suche nach einem Bauplatz. Der Standort "Kronprinzlinde" wurde von vornherein favorisiert, nicht nur als topographisch wichtiger Punkt; er schien auch am ehesten das weitläufige Gebiet des damaligen III. Pfarrbezirks integrieren zu können, und so hielt man trotz aller Hindernisse an diesem Bauplatz fest.

1961 kam nach komplizierten Verhandlungen das Gelände in kirchlichen Besitz, und es konnte ein Wettbewerb ausgeschrieben werden. Das Preisgericht hatte elf Entwürfe zu begutachten. Den Vorsitz führte Dipl.-Ing. Heinz Rall (Stuttgart), das prominenteste Mitglied war aber der im Gemeindegebiet wohnende Wahlbiberacher Prof Dr. Heinrich Lauterbach, ein Schüler Hugo Härings. Als kirchlicher Bausachverständiger fungierte Oberbaurat Ehrlich; die örtliche Geistlichkeit war vertreten durch Dekan Heinrich Dieterich und Gemeindepfarrer Eberhard Blum.

Der Kirchengemeinderat als letzte Instanz des Auswahlverfahrens entschied sich dann Anfang 1962 dafür, dem ortsansässigen Architekten Werner Rothenbacher Planung und Bauleitung zu übertragen. Seine Konzeption fand Anklang durch die zeitgerechte Flachdachbauweise der Gemeinderäume und Wohnbereiche und den betonten Wechselbezug der pyramidenförmigen, auf Spannung angelegten Hauptbauelemente - Kirchendach und Glockenträger.

Rothenbachers Gottesdienstraum

Rothenbachers Gottesdienstraum lebt aus der Idee eines Quadrats, in dem eine der Ecken durch den Kulminationspunkt eines unregelmäßigen Pyramidendachs betont wird. Hier befindet sich der Altar, während die Gemeinde sich im Halbkreis um diesen Ort des Gebets und der Verkündigung schart. Die gegenüberliegende Ecke, unter dem tief herabgezogenen Dach, bot sich als Gemeindesaaldach an. Die Konstruktion des ungewöhnlichen Daches, mit der Rothenbacher Neuland betrat, ergab in der Bauzeit schwierige statische Probleme, die zunächst nicht überall auf Verständnis stießen. Verschiedene Umplanungen verzögerten die Grundsteinlegung, die dann am Schützensonntag 1964 stattfinden konnte.

Die niedergelegte Urkunde trägt die Unterschriften der vier Gemeindepfarrer Elsäßer, Blum, Schlenker und Dekan Dieterich sowie die der Kirchengemeinderäte und des Bauausschusses. Sie waren auch verantwortlich für den Namen des geplanten Gotteshauses: Die damals weltbedro-hende Kubakrise war noch in eindrücklicher Erinnerung und die Mahnung zum politischen Frieden so aktuell wie heute. Andererseits bedeutet für den Christen das Wort "Friede" auch einen ständigen Aufruf zu verträglichem Umgang der Menschen untereinander und eine Aufforderung, alle Unrast abzutun und sich Gott anzuvertrauen.

Die eigentlichen Bauarbeiten, ausgeführt durch die Firma Georg Schmid, begannen im September. Schon zu Weihnachten standen Pfarrer- und Mesnerwohnung. 1965 folgten die Gemeinderäume (der zunächst an dieser Stelle mitgeplante Kindergarten war inzwischen wieder aus dem Programm gestrichen worden).
Die erste Nutzung des Neubaus, nämlich als Wahllokal, hatte kurioserweise gar keinen kirchlichen Bezug.

Die Einweihung

Einweihung am Sonntag Estomihi, 20. Februar 1966

Die Einweihung, ursprünglich zum Reformationsfest 1965 vorgesehen, musste mehrfach verschoben werden; schließlich fand sie am Sonntag Estomihi, 20. Februar 1966, statt.
Prälat Rieß aus Ulm hielt den Festgottesdienst. Am selben Tag war die Kirche erstmals Schauplatz eines Konzerts.

Bei der Einweihung war der heute als so charakteristisch empfundene Turm noch nicht vorhanden. Seine Errichtung wurde erst sechs Tage später vom Oberkirchenrat abgesegnet. Mittlerweile war nämlich die Frage, ob ein Turm überhaupt nötig sei, auf grundsätzlicher Ebene debattiert worden. Außerdem gab es auch hier wieder finanzielle, statische und konstruktive Fragen in gegenseitiger Abhängigkeit.

Turmmontage 1966

Turmmontage 1966

Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, dass man um Stahl, Holz oder Beton stritt, weil man dem 30 Meter hohen Turm die 1800 kg Glocken nicht zutrauen wollte. In dem stattlichen Geläut der Firma Rincker, gestimmt auf gis, cis, his und dis, steckt übrigens ein namhafter Zuschuss der Stadt. Schließlich erteilte man der einheimischen Spezialfirma Härle einen Auftrag auf zwei vorgefertigte Holzbaukörper, die auf einem Betonsockel übereinander montiert werden mussten: Es war ein sehenswertes Schauspiel. Der erste Kran, obwohl von Liebherr, kapitulierte bei dem Kraftakt und es musste ein zweiter, stärkerer geholt werden, um den Turmoberteil korrekt "einschweben" zu lassen.

Seit 1969 wird die Kirche, einem bewährten Biberacher Brauch folgend, auch von der katholischen Kirchengemeinde mitbenutzt und ist damit ein lebendiger Beweis für die Idee, der sie ihren Namen verdankt.

Die aus Industrieglas gefertigten Fenster der Kirche hat man allerdings nie besonders geliebt. Und so geht der Wunsch nach richtigen Kirchenfenstern zurück bis in die Erbauungszeit, wo allerdings kein Geld mehr hierfür zur Verfügung stand. Als die 20-Jahr-Feier der Friedenskirche anstand, wurde die Idee, Kirchenfenster anfertigen zu lassen, wieder neu belebt.
In Georg Meistermann, einem der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler für Glasmalerei, fand der Kirchengemeinderat zusammen mit Pfarrer Eberhard Göhner einen Künstler, der sich der Aufgabe stellte, dem nüchternen Kirchenbau mit seinen geraden Linien und Flächen eine angemessene Gestaltung der Fenster zu verleihen.
Während die Fenster vieler anderer Kirchen jeweils für sich abgeschlossene Einzelwerke sind, hat Meistermann in der Friedenskirche eine fensterübergreifende Gesamtkonzeption entworfen: "Gnadenströme", die - getragen von einer meditativen Grundstimmung - den Betrachter von den jeweils hinteren Seitenfenstern nach vorne auf den Altarbereich zuführen, d.h. an den Ort, wo Sonntag für Sonntag die Gnade in Jesus Christus verkündet wird.

Weitere Sanierungen

Es war ein ehrgeiziges Projekt, dem sich damals der Kirchengemeinderat verschrieb, und zu dessen Realisation es bedeutender finanzieller Mittel bedurfte. Nach einer großen Spendenaktion, bei der zahlreiche Gemeindeglieder, Biberacher Bürger und auch Biberacher Firmen und Banken mitwirkten, war es dann möglich, am 6. September 1987 in Anwesenheit des Künstlers und vieler Gäste im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes die Fenster ihrer Bestimmung zu übergeben.

Der Zahn der Zeit begann nun aber auch schon an der eigentlich noch recht jungen Kirche zu nagen. Und so waren 1992 – inzwischen unter der Ägide vom Pfarrersehepaar Birgit und Peter Schmogro - aufwändige Betonsanierungsmaßnahmen nötig v.a. an der sogenannten Attika, mit der das Dach gegen die Außenwände abgesetzt ist. Im Zuge dieser Restaurierungsarbeiten wurde das Kircheninnere durch einen neuen Anstrich aufgehellt, fanden eine Reihe kleiner Verbesserungen statt und vor allem wurde eine neue Küche angebaut, da der alte Küchenraum viel zu klein und für einen großen Gemeindebetrieb ungeeignet war. Und vor dem Jugendraum, der bislang nur durch vergittertes Oberlicht beleuchtet wurde, wurde die Böschung freigegraben und ein Rosenbeet gesetzt.

2013 wurde der Gemeindehaustrakt behutsam saniert. Der in die Jahre gekommene Toilettenbe-reich wurde vollkommen erneuert. Energieeffizientere Fenster wurden eingebaut und vor das Martin-Luther-Zimmer erhielt eine Öffnung in den Kirchgarten und wurde seither gerne bei freundlichem Wetter als Zugang zu den Außenveranstaltungen genutzt.

Sanierungsabschnitt 2017

Im Zuge eines zweiten Sanierungsabschnitts 2017 wurde die Heizung energetisch saniert und im Zuge der Ertüchtigung der elektrischen Anlage wurde die Beleuchtung des Kirchenraums neu konzipiert. Der Entwurf des Lichtplaners Hans Chr. Winter (ratec)/Lindenberg, die Beleuchtung entlang der Raumfalze des Kirchendachs zu führen, wurde umgesetzt und unterstreicht nun eindrücklich und stimmungsvoll den Zeltcharakter der Kirche, wie sie vom Architekten ursprünglich geplant wurde.

Seit über 50 Jahren lädt die Friedenskirche die Gemeindeglieder aus allen vier Himmelsrichtungen ein zu den Sonntagsgottesdiensten und zu vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten im Gemeindezentrum.