Geistlicher Impuls: Haltbarkeitsdatum

Pfarrerin Birgit Schmogro

Wie lange hält bei Ihnen die Milch im Kühlschrank? Oder der Salat? Oder das Gemüse? Für unsere Familie war’s ein Aha-Erlebnis, als wir vor nicht allzu langer Zeit einen neuen Kühlschrank gekauft haben. Seither hält die Milch gefühlt ewig. Zumindest im Vergleich zu vorher. Und ebenso die anderen Nahrungsmittel. Es ist schon großartig, was heutige Haushaltsgeräte können.

Die Dinge lang aufbewahren das ist uns aber nicht nur in der Küche wichtig.  Was heben wir nicht alles auf, sammeln wir, holen’s nochmals aus dem Papierkorb raus und sagen dann: “Wer weiß, wozu man das nochmals brauchen kann?” Und: wieviel Anti-Aging-Cremes stehen in den Badezimmern, Make-Ups, Pillen, Brausetabletten… - alles Mögliche, womit wir unser Älterwerden, die zunehmenden Falten bremsen und das Haltbarkeitsdatum nach hinten verschieben wollen.

Nur, wir wissen ja, wie das am Ende ausgeht. Der beste Kühlschrank nutzt uns nichts. Irgendwann ist auch da die Milch sauer. Und die beste Anti-Aging-Creme kann uns nicht drüber wegtäuschen, dass wir halt doch mit jedem Tag ein kleines bisschen älter werden. Und wie hat mein Orthopäde vor einiger Zeit mal so einfühlsam gemeint: “Ja, Frau Schmogro, Sie sind keine 30 mehr.”

Es bleibt nichts so, wie es ist. „Das Wesen dieser Welt vergeht“, meint der Apostel Paulus ganz lapidar (1. Kor. 7,31).

Sollen wir jetzt in das allgemeine Klagelied einstimmen, dass alles nicht mehr so ist, wie es mal war, dass alles „den Bach runtergeht“, wir am Ende alle ganz schön „alt aussehen“? Nein! Die Evangelischen feiern demnächst den Reformationstag und die Katholiken Allerheiligen. An beiden Tagen besinnen sich Christen auf je ihre Weise, dass das Leben vergänglich ist und sich die Dinge ändern und reformieren müssen. Aber das tun wir Christen mit einer sehr positiven Grundhaltung. Zu unserem Glauben gehört die Zuversicht, dass unser Leben immer auf Gott zugeht. Unsere Zukunft ist eine Zukunft mit Gott.

Und das hat zwei Konsequenzen: Das schafft Gelassenheit, dass wir uns dem Lauf der Dinge nicht unnötig in den Weg stellen, wo wir nichts ausrichten können. Irgendwann ist auch unser Haltbarkeitsdatum abgelaufen. Aber es gibt auch Mut, die Dinge, die sich ändern lassen – im Privaten wie in der Gesellschaft -, schon heute auf Gottes gute Zukunft hin zu reformieren. Denn bei Gott hält am Schluss alles ewig.

Pfarrerin Birgit Schmogro, Friedenskirche Biberach

Geistlicher Impuls: Die Verbindung liegt in der Vergangenheit

Pfarrerin Daniela Bleher

Wer im Internet nach Zugverbindungen Ausschau hält und dabei eine Abfahrtszeit eingibt, die vor der Jetztzeit liegt, wird mit dem tiefgründigen und gleichzeitig emotionslosen Satz abgespeist: Die Verbindung liegt in der Vergangenheit. Kurz und schroff gesagt: Der Zug ist abgefahren.

Was im täglichen Leben für Reisende zu Ärger und Wutanfällen führen kann, ist ganz anders, wenn wir diesen Satz aus Gottes Perspektive betrachten.

Denn Gottes Verbindung zu uns Menschen –  sie liegt nicht in der Vergangenheit. Ihren Grund hat diese besondere Verbindung gleichwohl in der Vergangenheit. Als Gott den Menschen erschaffen hat, hat er zugesagt, dass er für seine Menschen Sorge tragen will und für sie da sein will.

Diese Verbindung, seine Nähe zu uns Menschen hat Bestand. Sie gilt auch heute und sie reicht in die Zukunft hinein.

In besonderen Augenblicken können wir diese Verbindung zu Gott und zu allem, was lebt, spüren. Dann nämlich, wenn wir aufmerksam und achtsam sind für alles, was um uns herum ist.

Es kann sein, dass wir an einem Apfel, den wir essen wollen, erst einmal riechen, dass wir seinen süßen Duft wahrnehmen, dass wir die glatte oder eher schrumpelige Schale mit unseren Fingern fühlen und dass wir die Farbe dieses Apfels genau anschauen. Ist sie eher rötlich, grün oder gelb. Und das alles geschieht, ohne schon auf die Uhr zu schauen wegen eines anstehenden Termins oder  ohne an den Telefonanruf zu denken, der noch zu erledigen ist.

Oder es kann sein, dass wir unserem Gesprächspartner gut zuhören ohne gleich eigene Erlebnisse einwerfen zu müssen oder wir erleben es andersherum, jemand ist ganz Ohr für das, was wir zu erzählen haben.

In solchen Momenten sind wir verbunden mit uns selbst, mit anderen, mit der Schöpfung und mit Gott. Wir sind ganz gegenwärtig. Diese Verbindung liegt nicht in der Vergangenheit. Sie geschieht jetzt. Spüren wir ihr nach.

Pfarrerin Daniela Bleher, Stadtkirchengemeinde (Pfarrbezirk Heilig Geist)

Geistlicher Impuls: „Beam me up, Scotty!“

Diakonin Hanne Winter

Nicht lange im Zug oder Auto sitzen müssen um Freunde und Familie zu besuchen. Die schönsten Fleckchen der Erde in Sekunden erreichen; die Erdgrenzen ohne viel Aufwand überwinden und in kürzester Zeit auf einem anderen Planeten stehen. Ich finde die Idee des „Beamens“, in den Science-Fiction-Serien, faszinierend! Allerdings hat sie für mich auch einen Wehrmutstropfen: Wenn sich alle ständig von einem Ort zum Nächsten beamen, wen trifft man dann noch zuhause an?

Beam – Geräte, mit denen man in wenigen Sekunden weite Räume überwindet, bleiben wahrscheinlich eine Utopie. Aber wie sich das Leben in einer Welt mit kürzer werdenden Distanzen anfühlt, dass weiß ich schon heute. Erfriert beispielsweise eine Nacktschnecke am Nordpol, dann lese ich es spätestens am nächsten Tag in der Zeitung. Noch schneller geht es, wenn ich Twitter und Co. nutze.

„Früher war alles gemütlicher!“ höre ich im Bürgerheim - Quartier. Ja, denke ich, wie gut täte auch mir die Entschleunigung! Gleichzeitig weiß ich, dass sich diese Welt nicht mehr zurückholen lässt. Und: Ich müsste ja auch auf einiges Angenehme verzichten! 

„Ich stehle ihnen ihre kostbare Zeit!“ sagt mir so manch alte Mensch bei meinen Besuchen. „Nein, das tun sie nicht,“ lautet meine Standardantwort, denn ich erlebe das Gegenteil! Die Besuche sind für mich wie eine Zeitinsel in der nichts Anderes zählt als die Gegenwart. Ich bin einfach da! Alles was passiert, entsteht, weil Zeit dafür ist. Manchmal kommen sehr tiefe Gespräche zustande; manchmal ein Sitzen im gemeinsamen Schweigen; manchmal der Austausch von Erlebnissen oder sogar ein Tanz, das Singen eines Liedes, herzhaftes Lachen.

Ich höre: „Im Alter braucht alles viel Zeit!“ Ja, ich kann verstehen, dass es anstrengend ist, wenn man ausgebremst wird. Trotzdem denke ich: „Wie hilfreich ist es zu spüren, dass etwas seine Zeit braucht!“ Dieses Wissen scheint mir in unserer beschleunigten Welt nämlich immer mehr verloren zu gehen.

„Wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert“, schreibt Paulus im 2. Kor. 4,16 und lenkt den Blick weg vom Äußerlichen. Im Altern entdeckt er innere Weite und teilt diese Erfahrung mit seinen Lesern. Sicher darf man den Verfall des Körpers nicht glorifizieren; noch die Anstrengungen des Alterns herunterspielen. Doch ich lerne von Paulus, dass die Lebensphase des Alters zum Segen für alle werden kann.

Der körperliche Verfall mag erschrecken, doch er sollte nicht das Potential der inneren Reife im Alter verdecken. Für mich ist es ein Gewinn, Zeit mit Menschen in ihrer letzten Lebensphase teilen zu können, denn: „wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert“.

Hanne Winter, Diakonin, AltenPflegeHeimSeelsorge, Kirchenbezirk Biberach

 

 

Geistlicher Impuls: Wer sieht mich an?

Unterschiedliches kann diese Frage auslösen. Es gibt achtsam-freundliche Aufmerksamkeit und liebevolle Blicke, aber genauso auch die kritisch-kontrol-lierende oder die verachtend-feindlichen Sicht. - Sehr spannend kann es auch sein, wie ich mich selbst anschaue.

„Ansehen“ hat eine vielschichtige Bedeutung. Wer es genießen darf, hat einen „Sonnenplatz“. Wer nicht gesehen wird, dem macht das Leben Mühe.

Eine biblische Geschichte erzählt davon: Ein seit Geburt gelähmter Bettler sitzt vor der Tür des Gotteshauses auf dem Boden. Er ist „unten“, hält die Hand auf. Plötzlich wird er angesprochen. Zwei Männer nehmen sich Zeit für ihn. „Sieh uns an!“ sagen sie zu ihm. Beziehung wollen sie mit ihm. Sicherlich erstaunt, schaut der Bettler auf und streckt ihnen seine offene Hand bittend entgegen. Doch er bekommt kein Geld. Das haben die Männer selbst nicht. Sie schenken ihm kein Almosen sondern achtsame Würdigung und Zuwendung auf „Augenhöhe“. Sie teilen mit ihm ihr Vertrauen, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Doch ein von Geburt an Gelähmter, der täglich zum Betteln an die Tür des Gotteshauses getragen wird, ist und bleibt ein „armer Tropf“, dem man mitleidig mal was gibt. So ist das!

Doch diese Normalität haben die Männer schon damit durchbrochen, dass sie ihn anschauen. Und sie sehen da mehr als den „armen Tropf“, der ganz unten ist und froh sein kein, wenn man ihm mitleidig was in die Bettelschale legt. Sie haben einen Menschen vor Augen, der wie jede und jeder andere auch „Ebenbild Gottes“ ist. Sie entdecken in diesem bettelnden Krüppel zugleich Gottes geliebtes Kind, das Gott freundlich-liebevoll ansieht. Diese Sichtweise ändert alles.

Meine alte Nachbarin ist Gottes geliebte Tochter. – Doch wie merkt sie das? – Die biblische Geschichte sagt mir: Wenn sie beachtet und freundlich angesprochen wird, kann sie es ahnen. Auch der Ziehharmonikaspieler am Marktplatz ist Gottes geliebter Sohn. Evtl. spürt er es, wenn ich ihm nicht nur Geld gebe, son-dern mich für seine Musik bedanke, ihn „sehe“. Der Flüchtling … ja auch er Gottes geliebtes Kind. – Damit haben manche Probleme. - Doch die werden in der Regel kleiner, wenn wir uns ansehen, uns kennenlernen, zusammen kochen …

Die biblische Geschichte (Apg 3) berichtet dann noch von einem Wunder, durch das der bettelnde Krüppel zu einem „angesehenen Menschen“ wird. - Für mich ist aber auch ein Wunder, dass die beiden Männer den Bettler nicht übersehen und links liegen lassen. Es interessiert mich sehr, wie es dazu gekommen ist. – Nur eins weiß ich von den Zweien: Sie wollten Beten gehen. D.h.: Sie haben eine Beziehung zu Gott und vertrauen darauf, von Gott freundlich und gnädig angeschaut zu werden. Bei Jesus haben sie das gelernt, dem sie folgen. Durch

ihn spüren sie den aufmerksam-freundlichen Blick Gottes. Ob wir den auch bemerken? Dadurch würden wir anders in die Welt schauen.

Michael Pfeiffer, Evang. Schuldekan in Biberach

Geistlicher Impuls: Rede darüber

Dekan Hellger Koepff

„Schwätz‘ doch net raus“, so reagierte ein Camper, als er unsere Familie vor dem Zelt sitzen sah. Auf dem Tisch lag das Gesangbuch, wir stöberten darin. „Was macht ihr denn damit?“, wollte der Passant wissen. Er war von seinem Wohnwagen mit Württemberger Kennzeichen auf dem Weg zum Strand. Als er hörte, dass meine Frau und ich sind Pfarrerin und Pfarrer, glaubte er uns nicht: „Schwätz‘ doch net raus“. Kopfschüttelnd zog er von dannen.
Als ganz normale Urlauber in Sportklamotten oder Badehose, schwitzend beim Wandern oder Radfahren, entspannt am Strand, wissbegierig bei der Stadtführung – manche Zeitge-nossen können das offensichtlich nicht mit dem christlichen Glauben zusammenbringen. Ganz normale Menschen, die ganz alltäglich auch von ihrem Glauben sprechen? Dabei gibt es viele von ihnen.
Die Mitgliederzahlen der Kirchen sind wieder gesunken, so war vor einigen Tagen in der Presse zu lesen. Austritte und die älter werdenden Gemeindeglieder werden als Hauptgrün-de genannt. Da muss die Kirche doch endlich gegensteuern, hieß es. Sie hat doch ein gutes Produkt. Ein Leitartikler sprach von Markenkernen, die die Kirche habe, und er nannte die Vergebung der Sünden, die Gewissheit der Erlösung und die Botschaft von der Treue Gottes zu den Menschen, nicht zu vergessen den Aufruf zur Nächstenliebe.
Recht hat er, Ludger Möllers von der Schwäbischen Zeitung. Doch wer soll von den Marken-kernen reden oder dem Glauben an Gott und Jesus Christus ein Gesicht geben? Die Kirche – und das sind wir alle. Jeder, dem der Glaube an Gott zum eigenen Halt geworden ist. Jede, die trotz mancher Zweifel immer wieder anfängt zu beten. Alle, die Gott suchen und sich nicht mit billigen Antworten abspeisen lassen. Kurz: Alle Christen.
Vielleicht geht das in den kommenden Wochen leichter als sonst. In den Ferien habe ich Muße zu spüren, was mir wirklich gut tut. Am Urlaubsort kann ich mal wieder einen Gottesdienst besuchen – keine Angst, da ist zunächst mal niemand, der dich kennt. Mit Unbekann-ten kann ich auch mal ein Gespräch anfangen, das mir zuhause peinlich ist.
Probieren Sie es einfach aus: Reden Sie im Urlaub von dem, was Ihnen Halt gibt. In ganz normalen Worten, so wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. „Gebt Auskunft über die Hoffnung, die in euch ist“, heißt es im 1. Petrusbrief. Warum nicht im Urlaub? Entgegnet einer dann „Schwätz‘ doch net raus“, ist die Überraschung gelungen und einer beginnt nachzudenken.
Eine erholsame Sommerzeit, wo immer Sie sind
Hellger Koepff, evangelischer Dekan

Geistlicher Impuls: In den großen Ferien ...

Pfarrerin Daniela Bleher, Heilig-Geist-Gemeinde Biberach

 „In den kommenden großen Ferien haben wir unnachahmliche Dinge vor. Wir möchten einige Dinge unternehmen, die wir bis jetzt noch nie unternommen haben. Wir wollen uns zum Beispiel von unserem Land und unserer Zeit verabschieden.Wir stimmen mit beiden nicht mehr so ganz überein. Es tut uns leid, aber die Jahre sind dahin. Gut. In den großen Ferien werden wir natürlich auch einen alten Wald bewundern und uns vorsichtig einem dunklen See nähern. Und endlich ein dickes Buch, das wir schon immer zu Ende lesen wollten, zu Ende lesen. Niemand soll uns erreichen, wir haben uns vorgenommen Haken zu schlagen und wollen ständig unsere Spuren verwischen. Und eine Sprache sprechen, die uns nicht verrät, nicht mal eine weiße Fahne werden wir mitführen. In den großen Ferien wollen wir ein Narrenschiff stehlen. Natürlich ein lächerliches Ruderboot und werden soweit aufs Meer hinausfahren, dass niemand unser Weinen hört. Manchmal nachts, wenn wir der Widersprüche nicht Herr werden in den großen Ferien, wollen wir einen Segelflieger bitten uns hinaufzufliegen, dass wir einmal die Erde ohne uns sehen.In den großen Ferien werden wir natürlich auch eine Eisdiele besuchen. Einen Zoo, eine alte gemütliche Kirche und eine Tropfsteinhöhle wie das so üblich ist. Aber wer uns nach Land und Zeit fragt, nach Antworten und Lösungen, nach Vergangenheit und Zukunft, dem wollen wir in den großen Ferien einen Kuß auf die Stirn geben, denn so heilig und so fehlerlos wollen wir in den großen Ferien nicht sein. In den großen Ferien möchten wir fröhlich sein und eine Geschichte der Gleichgültigkeit schreiben. Und wenn wir nach wenigen Wochen zurückkehren müssen, wird es denken wir früh genug sein, sich dann den staatlichen Aufsichtsbehörden und einer vernunftbegabten Gesellschaft wieder zu stellen.

Wenn nichts dazwischenkommt.“

Der große Kabarettist und leider schon verstorbene „Theopoet“ Hanns Dieter Hüsch malt mit diesen Worten ein schönes Bild von den Ferien und der Urlaubszeit.

In der Ferienzeit spüren wir die Sehnsucht in uns besonders stark, die unsere Aufmerksamkeit weglenkt vom Alltäglichen an andere Orte und Plätze. Wir wollen Abstand gewinnen von dem, was uns täglich umgibt und umtreibt.

Der Sehnsucht wegen brechen wir immer wieder auf zu neuen Ufern, geben uns nicht zufrieden mit dem, was ist, verlassen eingefahrene Gleise und probieren Neues aus.

Andere Plätze, andere Luft, ein anderer Zungenschlag, Essen, das anders schmeckt als wir es gewohnt sind, üben eine große Faszination auf uns aus.

Doch fühlen wir uns von dieser Sehnsucht einmal anderes zu erleben auch getrieben. Sie ist Last und Lust zugleich.

Denn auch im Urlaub bleibt ein Rest dieser Sehnsucht nach Ruhe, Freiheit und einfach nur Mensch sein ungestillt - nicht nur, weil wir wissen, dass wir wieder zurückgehen müssen und uns wieder der Verantwortung bei der Arbeit oder in der Familie oder wo auch immer stellen müssen, sondern, weil wir auch spüren, dass wir diese innere Unruhe nie ganz loswerden.
Der Kirchenvater Augustinus hat diesen Zustand in diesem Satz zusammengefasst: „Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir, mein Gott.“

Der Blick im Urlaub über die unendliche Weite, die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut und das wohlige Gefühl im Bauch lassen uns dennoch ahnen, dass es einen Ort gibt, an dem unsere Unruhe ein Ziel findet, an dem unsere Sehnsucht für immer gestillt ist und wirklich nichts mehr dazwischenkommt.

Pfarrerin Daniela Bleher,  Evangelische Heilig Geist Gemeinde

Geistliches Wort: Gedankensprungbretter

Pfarrerin Andrea Luiking, Evang. Versöhungskirche Ummendorf

Urlaubszeit. In den Buchläden liegen jetzt Sommerbücher und Urlaubslesetipps. Erst mal gefällt es mir, dass der Urlaub Lesezeit ist. Ist mir sympathischer als Zeit für anstrengende sportliche Vorhaben. Ich muss nicht vom 10-Meter Turm springen, ich darf lesen, wenn ich frei habe. Zustimmung meinerseits. Ich frage mich dann aber: was ist denn ein Urlaubsbuch? Eines, das leicht daherkommt und von Liebe oder Mord an einem Fjord handelt? Oder ist gerade im Urlaub Zeit, mal etwas zu lesen, bei dem man dranbleiben muss? Soll ich für den Urlaub eher Thomas Manns großes Werk „Josef und seine Brüder“ in den Koffer packen, das ich immer schon mal lesen wollte? Oder stattdessen Bücher, die auch etwas dösig in der Mittagshitze im Süden noch verstanden werden können?

Also ich bin eher der Typ, der was Rechtes braucht, wenn schon mal der Kopf frei ist dafür. Meine aktuelle Lieblingsautorin könnte ich in den Koffer packen. Es ist Sibylle Lewitscharoff, ganz wunderbar humorvoll und klug. Am 18.10. kommt sie übrigens auf Einladung des Evangelischen Bildungswerks zur Lesung nach Biberach. Mir gefällt, wie sie z.B. in „Blumenberg“ beschreibt, wie das Unglaubliche sich einnistet im Leben eines Professors. Es ist in Form eines Löwen auf dem Teppich ganz unaufgeregt plötzlich da.

Oder wie wär´s mit einer Annäherung an das Buch der Bücher, die Bibel? Spannend und wie ein Roman zu lesen finde ich Nico ter Linden. Er schafft es im Buch „Die schönsten Geschichten der Bibel“ gleichzeitig menschlich und poetisch zu erzählen. Er kann von Abraham so erzählen, dass ich plötzlich begreife, wie schwer es ist, aufzubrechen. Welche Lebenshindernisse einen festhalten können. Das habe ich erst durch das Buch bemerkt: dass auch Abrahams Vater schon versuchte zu gehen. Aber der kam nicht weit. Der Schmerz über den Tod seines Sohnes Haran holte ihn ein. Nie habe ich überlegt, warum der Sohn den gleichen Namen trägt wie die Stadt, in der er hängen blieb: Haran. Er kann nicht aufbrechen, weil ihn der Schmerz am alten Ort festhält. Ich tauche ein in die Ströme und Auslegungen der Geschichten. Das Buch erzählt Geschichten der hebräischen Bibel mit einem gehäuften Maß an Kenntnis. Sie geht aber so in den Erzählungen auf, dass sie mir nicht den Spaß daran verdirbt.

Es gibt Bücher, die sind wie ein Sprungbrett. Es lockt mich einfach, erst darauf zu wippen, Schwung zu holen für meine Gedanken, und dann Kopf voraus hinein ins erfrischende Element.

Sommerzeit. Lesezeit. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich das erlauben. Und tun, was heute nicht mehr oft vorkommt. Dinge lesen, die sich lohnen. Obwohl wir wahrscheinlich durch unsere Smartphones und Mails und all das mehr lesen als jemals Menschen vor uns. Den ganzen Tag. Aber jetzt hätten mal die großen Fragen Platz. Nach unserem Verständnis vom Sinn des Lebens, unseres menschlichen Daseins und unserer Aufgabe in dieser Welt. Die Frage nach Gott steckt in ihnen allen. Jetzt braucht es nur noch ein Sprungbrett für die Gedanken dazu.

Schöne Sommerwochen wünscht Ihnen Andrea Luiking, Pfarrerin der Versöhnungskirche in Ummendorf

Geistlicher Impuls: Das Jahr steht auf der Höhe

Pfarrerin Margit Bleher, Referentin Dekanat Biberach

Heute habe ich an der B 312 das erste Johanniskraut gesehen und in unserem Garten färben sich langsam, aber sicher die Johannisbeeren. Am kommenden Sonntag, dem 24. Juni, ist Johannistag. Lange Abende auf der Terrasse, abends noch eine Runde mit dem Rad, blühende Rosen mit einem betörenden Duft, –  das Jahr steht auf der Höhe, zeigt uns die Fülle des Lebens.

In diese Fülle scheint der, dem dieser Tag gewidmet ist, gar nicht so recht zu passen: Johannes der Täufer. Unangepasst, kritisch, nicht zögerlich in seiner Wortwahl, asketisch im Lebensstil. Der 24. Juni ist sein Geburtstag, nach dem Lukasevangelium ist er genau 6 Monate vor Jesus geboren.

Johannes und Jesus, die beiden Vettern, haben sich gegenseitig geschätzt. Jesus ließ sich von Johannes im Jordan taufen.

Der Gedenktag Johannes des Täufers liegt um die Tage der Sommersonnenwende. Von jetzt an werden die Tage wieder kürzer. Das ist kaum zu glauben, der Sommer beginnt doch erst und doch ist es so: drei Minuten in der kommenden Woche, 8 Minuten und dann sogar 12 Minuten pro Tag. Manche Menschen macht das melancholisch.

Johannes verstand sich als Vorläufer und Wegbereiter Jesu.  Wo diese Gegenwart des Göttlichen in sein Leben tritt, öffnet sich Johannes einer neuen Wirklichkeit – er lässt den wirken und Raum gewinnen in sich, von dem er sagt: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“

Es mag eigentümlich klingen, wenn ich Sie heute an Weihnachten erinnere. Doch der Beginn dieses „Er muss wachsen“ liegt tatsächlich in der Krippe. Die Weisheit unserer mystischen Tradition wusste diesen Ort schon immer in unserem Inneren. Stall und Krippe sind Symbole unserer gebrechlichen irdischen Existenz. Und so heißt es: „Wär‘ Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärst auf ewig noch verloren.“ (Angelus Silesius).

Diesen „Christus in uns“ gilt es auszutragen in diese Welt, er will in uns wachsen.

Christus hat viele Gesichter und Gott hat viele Weisen uns in sein Bild zu verwandeln. Deshalb ist jeder und jede ganz anders gefragt, über sich hinaus zu wachsen. Notwendige Voraussetzung dafür scheint in jedem Fall zu sein, „abzunehmen“, also die eigenen Eitelkeiten und Selbstbehauptungsspiele zurück zu nehmen, damit neue Energien frei werden können.

Es mag sein, dass einer jenseits der eigenen Berufskarriere eine neue Berufung findet – in der Familie, ehrenamtlich, im Gemeinwesen. Mag sein, dass sich jemand plötzlich von einem festgefahrenen Lebensstil verabschiedet, die Einfachheit entdeckt und so der eigenen Seele auf die Spur kommt.

Auf der Höhe des Jahres führt uns Johannes der Täufer auf den Gipfel seiner Selbst-Erkenntnis und Einsicht. Jenseits unserer oft scheiternden oder mühevollen Versuche, ein eigener Mensch zu werden, ist noch etwas im Schwange, das wachsen will.

Darum muss uns der Johannistag nicht melancholisch machen, sondern zuversichtlich im Vertrauen auf den, der das gute Werk, das er bei uns begonnen hat, auch vollenden wird.

In diesem Sinne einen gesegneten Sommer, der Sie die Fülle des Lebens schmecken lässt.

Pfarrerin Margit Bleher, Referentin beim Dekan