Geistlicher Impuls: Wie lagert Öl und Wein am besten?

Prtraitbild Pfarrerin Andrea Luiking

Pfarrerin Andrea Luiking der Versöhnungskirche Ummendorf Foto: Michael Luiking

Im Mittelmeerraum kann man sie noch sehen: große Tonkrüge, in denen früher Lebensmittel aufbewahrt wurden. Manchmal bis zu 1,50 Meter groß, waren sie die übliche Art, Lebensmittel zu lagern. Manchmal wurde diese Gebrauchskeramik sogar mit dem unteren Teil in den Boden eingegraben, um den Schafskäse, den Wein oder das für alles benötigte Olivenöl frisch zu halten. Irdene Gefäße, meist ohne Verzierungen - keine Kunstwerke, sondern Alltagsgegenstände. Die archäologischen Scherbenfunde überall zeigen, dass sie bei der Benutzung auch immer wieder zu Bruch gingen.

„Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen …“, so schreibt der Apostel Paulus im 2. Korintherbrief Kapitel 4 über Gottes Kraft. Er ruft dabei die Erfahrung mit den zerbrechlichen Tonkrügen wach. Kostbar, wichtig zum Leben und Überleben waren die Krüge durch ihren Inhalt - nicht als kunsthandwerkliche Töpferwaren. Ein Alltagsbild aus der Antike, das damals jeder kannte. Der Vergleich will sagen: die überschwängliche Kraft Gottes ist in die zerbrechliche Gestalt von uns Menschen hineingelegt.

Der Vergleich gefällt mir. Das Göttliche braucht keine besonders heiligen und weihevollen Gefäße oder Menschen. Die Kraft des Heiligen Geistes ist nicht nur an besonders sakralen Orten zu spüren. Sie ist alltagstauglich. Sie ist dafür da, dass wir uns das Heilige schmecken lassen, es alltäglich nutzen als Lebenskraft. So gesehen ist es etwas, das die meisten schon einmal gespürt haben: In den kleinen Dingen im Alltag begegnen uns die großen geistlichen oder spirituellen Möglichkeiten. In der Melodie, die jemand vor sich hinsummt, in der Art, wie die Blumen auf dem Tisch angeordnet sind, in der Spur der Regentropfen auf dem Blatt, in der fast beiläufigen Berührung auf dem Arm, die mir versichert, was wir einander bedeuten, in dem Euro, in der Tasche gefunden, den ich weitergebe an einen, der ihn braucht.

 

In den kleinen Dingen findest du meine große Kraft, so flüstert Gottes Stimme uns zu. Und erinnert uns an das Leben, das uns so machtvoll umgibt. An die große Kraft, die darin wohnt.

Trotz allem Schmerz und dem Schweren ist sie da. Trotz dem Loslassenmüssen von Menschen, Aufgaben und sicherheitsstiftenden Gewohnheiten. Trotz dem Tod ist die Kraft da: Die Kraft Gottes, die uns das Leben leben lässt, es gestalten, es überschwänglich teilen. Wenn ich knausrig werden sollte, und Vorräte und Erspartes anhäufen will, mehr als nötig, will ich mich daran erinnern: Gott füllt seine Kostbarkeiten in meine Alltagsgefäße. In mein Leben. In meinen Alltag. In mich. Immer wieder. Das zu entdecken, macht freigiebig und zuversichtlich, da bin ich mir sicher.

Geistlicher Impuls: Adieu!

Michael Pfeiffer, Evang. Schuldekan

Der Sommer verabschiedet sich langsam. Die Schulferien sind fast rum. – Viele haben Mühe mit Abschieden. Denn das Loslassen ich nicht leicht. Wie schön war doch die Zeit ohne Pflichten und Stundenplan! Da hilft auch Wilhelm Busch’s humorvoll-weise Erkenntnis nicht: „Meistens hat, wenn zwei sich scheiden, einer etwas mehr zu leiden.“ Nun bleibt nur noch die Erinnerung an den Sommer.

Schauen wir auf unser Leben, entdecken wir, dass wir letztlich abschiedlich leben. Jeder unserer Tage vergeht. Werden wir älter, lassen auch die Kräfte nach. Geliebte und wichtige Menschen sind nicht mehr da. Abschiedlich leben, heißt z.B. ihnen einen guten Platz in uns einzuräumen. Genauso können wir es auch mit dem heutigen Tag machen, wenn wir ihn noch einmal am Abend vor unseren inneren Augen passieren lassen: Dankbar kann ich dann auf das schauen, was gut und kostbar war und es würdigen. Oder ich kann bewusst hinter mir lassen, was unerfreulich und mühsam war. Vielleicht wird mir auch klar, wo ich heute Anteil an Schwierigem hatte. Morgen könnte ich dann daran vielleicht noch was ändern, und sei es, dass ich mich entschuldige.

Zurückzuschauen, sich zu erinnern kann schwere und schöne Seelenarbeit sein. Wo Dankbarkeit in der Luft liegt, „riecht“ es nach Glück. Wo wir auf Unordnung und Chaos stoßen, haben wir aber die Chance, noch möglichst viel ins Reine zu bringen. Denn ohne alte Last kann ich mich viel besser auf Neues einlassen.

„Adieu!“ oder „Ade!“ sagen manche beim Abschied. „Gott befohlen!“ heißt das. Und „Adieu!“ bedeutet dann, wenn man es bewusst sagt: „Dir, Gott, übergebe ich innerlich das Schöne und Schwere in meinem Leben. Dich bitte ich um ‚Beratung‘, wie mein Lebensweg weiter gehen soll.“ - Betend kann ich das tun. Dabei wird mein Lebensmaßstab um die mögliche Sichtweise Gottes erweitert. Ich kann dann alles in Verbindung mit Gott betrachten. – Möglicher Weise wird z.B. mein Ärger wegen der lauten Party in der Nachbarschaft dann milder, weil sich Gott an der Freude der Feiernden mitfreut. - Rücksichtslosigkeit ist allerdings auch nicht sein Ding.

„Adieu – Gott befohlen!“ - Alles kann durch diese Absicht und diesen Wunsch in ein anderes Licht geraten. Wir sind dann „ausgerichtet“. Wir ahnen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Martin Buber hat einmal gesagt: „Wisse, woher du kommst; wisse, wohin du gehst und wem du dich zu verantworten hast.”

Gehen wir von Gottes Hand in Gottes Hand? – Will ich den heutigen Tag Gott anvertrauen? - Was würde dadurch anders? - Wäre ich so gelassener, freundlicher, aufmerksamer- für andere und mich selbst? Könnte ich mit einem „Adieu“ oder „Ade“ besser loslassen? Will ich überhaupt abschiedlich leben?

Michael Pfeiffer, Evang. Schuldekan

Geistlicher Impuls: Seelenstübchen

Pfarrerin Margit Bleher

Sie prägen das Bild von Oberschwaben: Kapellen

in Weilern, am Straßenrand, zwischen uralten Bäumen, an markanten Punkten in der Landschaft. Oft liebevoll gepflegt, geschmückt mit Blumen aus dem Bauerngarten. Manchmal erfahren wir im Inneren etwas über ihre Geschichte, sie sind Zeugnisse der Volks-frömmigkeit im besten Sinn.

In einem schönen Buch, das ich entdeckt habe, werden sie „Seelenstübchen“ genannt. Sie erzählen etwas von der Seele der Menschen, die diese Kapellen gebaut, gestiftet, renoviert haben und sie pflegen. Dass es einen Ort gibt, der über das hinausweist, was jeden Tag um uns herum ist. Ein Ort der Dankbarkeit, ein Ort, der etwas weiß von Bewahrung, aber auch von Verzweiflung und Kümmernis, von Nichtweiterwissen und Durchatmen können.

Und das alles im Angesicht Gottes, in seiner Gegenwart. Seelenstübchen eben.
Wir sind noch in der Ferien- und Urlaubszeit.
Wenn Sie zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, dann halten Sie doch einfach mal an einer dieser Kapellen. Viele sind offen.

Nutzen Sie sie als Stübchen für Ihre Seele.
Wie geht es Ihnen gerade? Wofür können Sie dankbar sein? Was geht mit Ihnen um? Was ist möglich, wenn die Dinge des Alltags ein wenig zurücktreten? Was tut Ihrer Seele gut? Und wie können Sie sich solche Seelenstübchen auch im Alltag bewahren?

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele?   (Matthäusevangelium)

Mit sommerlichen Grüßen
Pfarrerin Margit Bleher, Referentin beim Dekan

Geistlicher Impuls: Kirche neu entdecken

Dekan Hellger Koepff, Biberach

Die kleine romanische Kirche auf dem Dorfplatz in Burgund, eine imposante Kathedrale in der Großstadt oder die moderne Kapelle in einem Alpental, gebaut von einem berühmten Architekten. Viele, die zuhause eher selten eine Kirche von innen sehen, wagen im Urlaub den Schritt über diese Schwelle. Darüber freue ich mich sehr. Mein Tipp: Geben Sie sich dem Charme dieser ganz unterschiedlichen Räume hin und nehmen Sie die besondere Stimmung in sich auf. Sie werden merken, das tut der Seele gut.

Kirche lässt sich aber noch ganz anders entdecken als über Gebäude, auch im Urlaub. Stellen Sie sich vor, Sie gehen durch eine Stadt und entdecken an einem Haus das Schild der Diakonie. Die Beratungsstelle, die dort ihren Sitz hat, ist Mitglied im Diakonischen Werk. Oder Sie parken auf einem Dorfplatz neben dem Fahrzeug eines ambulanten Pflegedienstes. An dessen Heckklappe erblicken Sie das Logo der Caritas. Auch hier begegnet Ihnen die Kirche.

Caritas und Diakonie sind Kirche. Denn eine Kirche ist nicht wirklich Kirche Jesu Christi, wenn sie nicht sozial, diakonisch oder caritativ handelt. Das Evangelium soll in Wort und Tat die Menschen erreichen. Jesus Christus selbst ist seinen Zeitgenossen heilsam begegnet und er hält bis heute zu uns. Darum können Christen nicht anders, als das Leben aller Menschen gut zu gestalten. Sie engagieren sich in den Einrichtungen von Caritas und Diakonie.

Diakonie und Caritas auf der anderen Seite gibt es nicht unabhängig von Kirche, von der Gemeinschaft der Christen. Der Dienst am Menschen ist für Christen untrennbar mit dem Gottesdienst verbunden. Wer den Menschen diakonisch helfen will, braucht die Gewissheit: Ich selbst bin bei Gott in guten Händen. Beide, Diakonie und evangelische Kirche – katholische Kirche und Caritas müssen jeweils in einem Atemzug genannt werden.

Suchtberatung und Projekte für Langzeitarbeitslose, Wohngruppen für Menschen mit Behinderung und Schuldnerberatung, Hospizdienst und Anlaufstellen für Nichtsesshafte – überall dort geben Christen im Rahmen von Diakonie und Caritas der Liebe ein Gesicht. Und sie geben im Namen Jesu denen eine Stimme, die sonst keine Stimme und keine Lobby haben. Vielleicht kommen Sie mit jemand von diesen Frauen und Männern ins Gespräch während Ihres Urlaubs. Auch so begegnet Ihnen Kirche.
Schöne Entdeckungen und gute Erholung wünsche ich Ihnen

Ihr
Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach

Geistlicher Impuls: Ich gehe, also bin ich

Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Biberach

"Wie geht's?" Die Frage gehört zum alltäglichen Begrüßungsritual. Die einfachste und kürzeste  Antwort lautet "gut". Andere Varianten sind: "Ich kann nicht klagen", "mr nimmt's wie's kommt" oder "es geht so". Erstaunlich ist, dass in vielen Sprachen die Frage nach dem Befinden eines Menschen mit dem Wort "gehen" verbunden ist. So als seien Wohlbefinden und Gehen eng miteinander verbunden. So sagen wir: Der Atem geht, ein erschöpfter Mensch "geht am Stock", ein Gedanke "geht mir durch den Kopf", wir sprechen von Wohl-Ergehen und manchmal davon, dass das Herz " in Sprüngen geht ", wie Paul Gerhardt im Gesangbuch dichtet: Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, / ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. / Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ; / das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.  

Wer sich gehend wohlfühlt, dem kommen auch gute Gedanken. So formuliert es jedenfalls der Philosoph Jean-Jacques Rousseau: "Ich kann nur beim Gehen nachdenken. Bleibe ich stehen, tun dies auch meine Gedanken." Unvergleichlich schön sind seine Geh-Gedanken festgehalten in den "Träumereien eines einsamen Spaziergängers". Spazierengehend sieht und denkt er die Natur auf der Sankt Peters Insel im Bieler See - und was er sieht wird ihm zum Gleichnis seines eigenen Daseins. Ähnlich schreibt der dänische Philosoph und Großstadtgeher Sören Kierkegaard in einem Brief an seine Schwägerin Jette 1847:  "Verlieren Sie vor allem nicht die Lust dazu, zu gehen: ich laufe mir jeden Tag das tägliche Wohlbefinden an und entlaufe so jeder Krankheit; ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen, und ich kenne keinen, der so schwer wäre, daß man ihn nicht beim Gehen loswürde ... beim Stillsitzen aber und je mehr man stillsitzt, kommt einem das Übelbefinden nur umso näher ... Bleibt man so am Gehen, so geht es schon."

Und auch in der Bibel wird viel gegangen: Jesus fordert die Menschen nicht dazu auf zuhause sitzen zu bleiben. Er ruft sie in die Nachfolge. Haus und Familie sollen sie verlassen und mit ihm gehen. Er zieht mit seinen Jüngern durch ganz Galiläa, stets zu Fuß, bis nach Jerusalem hinauf. Und selbst der Auferstandene ist kein ätherisch Schwebender, sondern geht (unerkannt) den Weg von Jerusalem nach Emmaus mit den beiden Jüngern, um ihnen gehend die Augen zu öffnen. Die Botschaft des Evangeliums lautet: "Es geht weiter!". Und: Gott geht mit, wenn wir Menschen aufbrechen und neue Wege gehen, er ist ein treuer Begleiter auf unseren Alltagsbahnen, oft unerkannt, mal als Engel, der Schutz gewährt, mal als Ermutigung in bedrückenden Situationen, mal als Gedanke, der Hoffnung schenkt,.

In diesem Sinne: Gehen Sie gute Wege in den Sommerwochen. Und lassen Sie es sich dabei gut-gehen!

Ihr Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Biberach, Simultankirche

 

 

Geistlicher Impuls: Geh aus mein Herz …

Pfarrer Albrecht Schmieg

Sie sitzen am Ufer des Lago Maggiore. Vor ihnen liegt der See und dahinter das wunderschöne Alpenpanorama unter dem Abendhimmel und tief rot scheinender untergehender Sonne. Er starrt vor sich hin in den Bildschirm seines Smartphones. Sie schaut ihm gebannt von der Seite über die Schulter. Ohne den Blick zu erheben sagt er: „Die Fischers sind auf der Landesgartenschau und haben schon 6 likes mehr als wir!“…

Sogenannte „Soziale Medien“ sollen dem einfachen und unkomplizierten Austausch der Menschen untereinander dienen. So ist die Idee. Auch, wer weit von dem anderen weg ist, kann ihn in Sekundenschnelle an seinen Erlebnissen und Eindrücken teilhaben lassen. So bekomme ich mehr von seinem Leben mit, von dem, was ihn begeistert und freut, was ihm oder ihr Spaß macht im Leben. Der größte der Anbieter kannte nur das Daumen-hoch-„Gefällt mir“, der zweitgrößte Anbieter begann mit dem „Herzchen“ als Ausdruck anteilnehmendem Gefühl. Mittlerweile hat der erste den zweiten aufgekauft und sein Anteil nehmendes Gefühl in sechs ausdifferenziert: von „Gefällt mir“, „Love“, „Lachen“ und „Wow“ bis „traurig“ und „wütend“. Das hilft den Algorithmen des Anbieters nebenbei das Persönlichkeitsprofil des Nutzers noch genauer zu analysieren und die zum weiterklicken angebotenen Bilder (und die an anderer Stelle eingeblendete Werbung) noch besser für uns auszuwählen.

Wohin führt das kleine „Herzchen“, das durch mich oder meine „Sozial-Media-Freunde“ angeklickt werden kann, mein Herz? In die soziale Nähe meiner Freunde in den bestens vernetzten „Massenfreundhaltungsmaschinen“ des Internet? In die Sucht, selbst noch mehr „likes“ und „Herzchen“ zu erhalten? Geht es den beiden am Lago Maggiore bereits so? Sind sie bereits abhängig? Und damit abgehängt von dem, was eigentlich um sie herum ist? Können sie den Moment, in dem sie leben, bereits nicht mehr genießen, ohne dass er durch den Filter der Bestätigung von außen gegangen sein muss? Verändert dieser Druck bereits die Wahrnehmung der beiden? Werden Motive nur noch ausgewählt nach der Zustimmung heischenden Wirksamkeit im Netz? Wer lenkt unser Herz?

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben.“ (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 503, vers 1)

Wie eine Befreiung aus dem Grau des Alltags wirken die Worte, mit denen uns der Dichter Paul Gerhard einlädt, unsere Herzen durch die sommerliche Natur schweifen zu lassen und in der Betrachtung sich vom darin spürbaren göttlichen Geist erheben und befreien zu lassen.

Es spricht eigentlich nichts dagegen sich herzlich zu freuen an Dingen oder Eindrücken, die man nicht selber gesehen oder erlebt hat. Es spricht auch nichts dagegen, dass die beiden am Lago, ihre Eindrücke der Welt mitteilen. Aber schade ist es doch, wenn sie darüber selber vergessen, zu leben und dankbar zu sein für den Ort, an dem sie sein können und dass sie Muße und Freiheit haben diesen Moment zu spüren. Vielleicht reicht es auch, solch schöne, tief im Herzen eingeprägte Sommermomente, an einem trüben Winterabend zu erinnern und seinen Freunden in realer gemütlicher Runde zu erzählen.

Pfarrer Albrecht Schmieg, Krankenhaus- und Hochschulseelsorge Biberach

Geistlicher Impuls: „Es ist genug"

Pfarrerin Birgit Schmogro

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Café und bestellen sich ein Kännchen Kaffee. Der Ober kommt kurz drauf, stellt die Tasse vor Ihnen ab, nimmt das Kännchen und gießt und gießt und gießt…

Was werden Sie tun? Zuschauen, wie das Ganze in eine Riesenüberschwemmung ausartet und droht, Ihnen über die Kleidung zu laufen? Oder laut aufschreien: „Halt, es ist genug!“, damit der Ober endlich aufhört.

„Ist doch klar“, werden Sie vielleicht entgegnen, „natürlich würde ich dem Ober was sagen.“

Mag sein. Aber das, was dort im Café passiert ist, wiederholt sich tagtäglich in zig Variationen und an den unterschiedlichsten Orten und Zusammenhängen – und niemand schreit auf. Weder wir noch andere.

Beispiele gefällig? Wir liegen im Bett und können nicht einschlafen, weil uns zu viel durch den Kopf geht. „War das zu wenig, was ich heute hingekriegt hab‘?“ „Müsste ich mehr nach meinen Eltern schauen?“ „Erwarten die anderen nicht, dass ich mich mehr um sie kümmere?“

Unser schlechtes Gewissen gleicht allzu oft diesem Ober, der gießt und gießt und gießt – und hört nicht auf.

Und ebenso stürmt und prasselt auch vieles von außen auf uns ein: dies und das sollten wir noch erledigen, möglichst bis morgen; an die und den denken und ja nicht vergessen; alle E-Mails und WhatsApps beantworten; sich immer informieren und auf dem Laufenden bleiben, damit man nicht zum alten Eisen gehört; und dann sind da noch die Zeitgenossen, die uns ganz dringend was ganz Wichtiges mitteilen wollen und wir sollen uns sofort für sie Zeit nehmen… Überall lauert dieser Ober und gießt und gießt und gießt… Und wir? Wir können uns dem nicht immer erwehren.

Manchmal ist das darum schon ein Geschenk des Himmels, vielleicht auch ein Engel, wenn irgendjemand oder auch eine Stimme in uns sagt: „Es ist genug.“

Es ist genug, denn deine Kräfte sind nur begrenzt. Es ist genug, denn morgen ist auch noch ein Tag. Es ist genug, es hängt nie alles an dir allein. Es ist genug, denn nicht alles ist wichtig. Es ist genug, denn so, wie es ist, ist es gut.

Bildlich gesprochen gleicht halt jeder Mensch so einer Kaffeetasse, die nur begrenzt etwas aufnehmen kann. Und niemand ist für alles und jedes aufnahmefähig. Überfordern wir uns – und andere! – nicht.

„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, sagt Jesus (2. Kor. 12,9) und erinnert daran, dass zum Leben dazugehört, dass man sich von Gott auch etwas schenken lassen muss und es nicht allein auf unsere immer wieder so begrenzten Möglichkeiten ankommt. Darum lassen Sie sich auch heute sagen: „Es ist genug.“

Pfarrerin Birgit Schmogro, Friedenskirche Biberach

 

 

 

 

Geistlicher Impuls: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste im ganzen Land?“

Diakonin Hanne Winter

Neidvoll blickt die alternde Königin auf die jugendliche Schönheit des Schneewittchens und tut alles um weiterhin die Schönste im Land zu bleiben. „Fotografieren Sie lieber jemand Jüngeren“, bekommt die 28 - jährige Fotografin Laura Zalenga aus Biberach zu hören, als sie Menschen für ihr Projekt sucht. Doch sie lässt sich nicht umstimmen und erklärt in einem Interview: „Es hat mich traurig gemacht! Ich fand, das sind schöne Menschen.“ Mit ihrer Ausstellung, die seit dem 26. Juni im Landratsamt Biberach und im November in der Versöhnungskirche Ummendorf zu sehen ist, will sie diese „Schönheit des Alters“ sichtbar machen.  Offensichtlich sieht sie als junger Mensch etwas Anderes, als es die Betroffenen zu sehen vermögen.

Viele können im Alter nichts Schönes entdecken! Sie erleben das letzte Lebensalter als mühsam und oft auch als Bedrohung. Der Prediger Salomo ist nah an diesem Gefühl, wenn er schreibt:

„Denk an deinen Schöpfer, solange du noch jung bist, ehe die schlechten Tage kommen und die Jahre, die dir nicht gefallen werden. Dann verdunkeln sich dir Sonne, Mond und Sterne und nach jedem Regen kommen wieder neue Wolken. Dann werden deine Arme, die dich beschützt haben, zittern und deine Beine, die dich getragen haben, werden schwach. Die Zähne fallen dir aus, einer nach dem anderen; deine Augen werden trüb und deine Ohren taub. Deine Stimme wird dünn und zittrig. Das Steigen fällt dir schwer und bei jedem Schritt bist du in Gefahr, zu stürzen. Draußen blüht der Mandelbaum, die Heuschrecke frisst sich voll und die Kaperfrucht bricht auf; aber dich trägt man zu deiner letzten Wohnung. Auf der Straße stimmen sie die Totenklage für dich an.“

(Prediger 12,1-7 Gute Nachricht)

Wie gehen die beiden Sichtweisen zusammen? Ich behaupte mal, indem man sie zusammenbringt! Gelegenheiten schafft, so wie mit den Bildern von Laura Zalenga. Es mag dabei nicht nur großes Einverständnis geben. Der Generationendialog verlangt von allen Seiten Akzeptanz. Doch die Generationen werden sichtbar füreinander. Kommen ins Gespräch! Der Prophet Sacharja (8,4-5) sieht die Zukunft der Menschen in dieser Begegnung von Generationen: „So spricht der HERR, der Herrscher der Welt: Es werden wieder alte Menschen auf den Plätzen der Stadt sitzen, Männer und Frauen, den Stock in der Hand, auf den sie sich beim Gehen stützen müssen – ein so hohes Alter werden sie erreichen. Und auf den Straßen wird es von spielenden Kindern, Jungen und Mädchen, wimmeln.“

Diakonin Hanne Winter, AltenPflegeHeimSeelsorge Kirchenbezirk Biberach

Pfarrer Peter Schmogro

Alles im Blick?

Ein Uralt-Klassiker der Denksportaufgaben lautet: „Ein Bauer ist unterwegs mit einem Wolf, einem Schaf und einem Kohlkopf und kommt an einen Fluss. Ein Boot liegt da zur Überfahrt. Es ist jedoch nur Platz für zwei. So klein ist es. Der Bauer kann also jeweils nur eines der Tiere hinüberbringen oder den Kohlkopf. Wie fängt er es nun an, dass ihm nicht der Wolf die Ziege oder die Ziege den Krautkopf auffrisst, während er unterwegs ist?“

Ich brauche Ihnen die Lösung hier nicht zu sagen. Sie kommen mit etwas Nachdenken selber drauf oder wissen sie schon längst.

Aber eines ist klar: der Bauer löst die Aufgabe nur, wenn er an alles denkt, alles im Blick hat.
Unser Alltag und was um uns herum passiert, gleicht allzu oft auch so einer Denksportaufgabe. Nur: ob wir da auch immer so logisch vorgehen wie beim Lösen des Rätsels? Alles im Blick behalten?
Vieles im Leben kommt uns ja sehr kompliziert vor. Und dankbar nehmen wir Ratschläge und Weisheiten an, die uns alles ein bisschen einfacher erklären. Einfache Erklärungsmuster und Lösungsvorschläge haben Hochkonjunktur.

Schauen wir auf die politischen Diskussionen der letzten Jahre, stellen wir fest, dass meist immer nur ein Thema jeweils in den Medien bestimmend war, während alle anderen währenddessen ausgeblendet blieben. Im Bild gesprochen: eigentlich ist das so, wie wenn der Bauer sich nur etwa um den Kohlkopf kümmert und Wolf und Schaf sich selbst überlassen würde.

Das Ganze im Blick zu behalten ist wesentlich schwieriger und längst nicht so populär.
Der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel erzählte mal die Geschichte von einem Bürgermeister, der in einem Mietstreit zunächst dem Mieter recht gibt und dann auch noch dem Vermieter. Darauf meint der Gemeindeinspektor: „Bürgermeister, Sie können doch nicht beiden recht geben!“ Der Bürgermeister denkt nach und sagt: „Da haben auch Sie recht.“
Unsere Wirklichkeit ist halt ein bisschen kompliziert und vielschichtig. Und es ist manchmal ehrlicher, diese Vielschichtigkeit auszuhalten und auszubalancieren, als einfach nur vorschnell und populistisch eine einfache, einseitige Antwort zu geben.

Zu dieser Sichtweise lädt uns der morgige Sonntag geradezu ein. Am Sonntag Trinitatis, dem Dreieinigkeitsfest, sagen Christen, dass man Gott nicht nur auf eine Weise sehen kann. Wir können ihn nicht einseitig in ein Bild pressen. Deswegen nennt ihn die Kirchensprache sowohl Vater, Sohn und Heiliger Geist und redet vom Schöpfer, vom Erlöser und von der verborgenen Kraft, die uns be-geistern und stärken möchte.

Unsere Erfahrungen mit Gott sind vielschichtig und manchmal auch widersprüchlich. Aber gerade in dieser Vielschichtigkeit eröffnet sich uns Christen der Zugang zur Fülle und Quelle des Lebens.
Darum werden wir Christen ermutigt, immer offen für das Ganze zu bleiben, die Fülle im Blick zu behalten und die schnellen, einfachen Antworten zu hinterfragen.

Pfarrer Peter Schmogro, Friedenskirche Biberach/Diakonie Biberach

Geistlicher Impuls: Atmet durch, Ihr Wahlkämpfer

Dekan Hellger Koepff

Die Stimmen sind ausgezählt. Die neuen Gemeinderätinnen und -räte, die Mitglieder des Kreistags bereiten sich auf die kommenden Aufgaben vor. In Europa macht man sich mit den künftigen Mehrheitsverhältnissen vertraut. Wer die gesteckten Ziele nicht erreicht hat, ist enttäuscht und sucht nach Gründen. Noch vor wenigen Tagen standen viele für ihre Partei oder Gruppierung auf dem Marktplatz. Die letzte freie Zeit war mit Wahlkampfauftritten gefüllt.

Mir geht es nach Wahlen immer viel zu schnell und rastlos weiter. Sofort werden Koalitionen ausgelotet, die Gewählten sollen präzise ihre Ziele formulieren. Noch in der Wahlnacht sollen sie alle Konsequenzen benennen können. Kameras und Mikrofone sind unerbittlich. Nein, wir sind unerbittlich und lassen niemandem den Moment, durchzuatmen und neu nachzudenken. Sollten wir uns nach anstrengenden Wahlkampfzeiten, die so viel Zeit und Energie von den Engagierten fordern, nicht eine Zeit der Ruhe gönnen? Tut es der Demokratie und den zu treffenden Entscheidungen gut, wenn wir atemlos immer sofort weiter machen? Ich zweifle.

Die benediktinische Regel „ora et labora“, bete und arbeite, ist in ihrer Weisheit heute nach wie vor aktuell. Innehalten. Sich besinnen, was will ich wirklich. Durchatmen. Eine neue Perspektive finden. Gerade Politikerinnen und Politiker, sei es in Europa oder in der Stadt, brauchen das. Gehetzt kommt es zu keinen guten Entscheidungen. Die Verantwortlichen trauen sich aber nur dann innezuhalten, wenn wir von ihnen nicht sofort Lösungen für alle Probleme fordern, wenn Nachdenken als Entscheidungsschwäche gewertet wird.

Christen suchen neue Perspektive bei Gott. Von ihm erzählt die Bibel, er hat sich am siebten Tag eine Auszeit gegönnt, nachdem er in sechs Tagen die Welt erschaffen hatte. Nun mag man über das Bild der Tage schmunzeln oder die Stirn runzeln. Die Weisheit, die uns die alte Geschichte ins Herz legt, aber gilt: Wenn schon Gott sich die Auszeit nimmt, wie wollen wir sagen, wir könnten sie uns nicht leisten.

In diesem Sinne wünsche ich allen Gewählten Gottes Segen für die Verantwortung, die sie übernommen haben.

Hellger Koepff, evangelischer Dekan

Geistlicher Impuls: Wer nur den lieben Gott lässt walten…

Königsberg. Das ist das Ziel seiner Träume. Dort will er studieren. Doch das ist gar nicht so einfach. Mitten im 30-jährigen Krieg ist die Reise dorthin gefährlich. Lebensgefährlich. Und trotzdem. Er wagt es, macht sich auf. Es kommt, wie es kommen musste. Schon nach wenigen Tagen wird er ausgeraubt. Die Ersparnisse, Reiseproviant, selbst Kleidung: alles weg. Der große Traum vom Studieren: zerplatzt.

Bettelarm und mit letzter Kraft schlägt sich der junge Georg bis nach Kiel durch. Es ist eine trostlose Situation: Er hat weder Geld noch eine Arbeit durch die er sich ernähren könnte. Inständig bittet er Gott um Hilfe.
Wie durch ein Wunder wird sein Flehen erhört. Er findet eine Anstellung als Lehrer und gewinnt langsam neuen Lebensmut. Darin sieht er ein Wunder des himmlischen Vaters. Noch am selben Abend schreibt der junge Georg Friedrich Neumark sein bekanntes Danklied: „Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit (…).“ (Evangelisches Gesangbuch Lied Nr. 369).Später notiert er dazu: Das „Trostlied“ stehe dafür, „dass Gott einen jeglichen zu seiner Zeit versorgen und erhalten will.“Solche Worte können in unseren Ohren wie frommes Geschwätz klingen. Vor der persönlichen Lebenserfahrung Georg Friedrich Neumarks leuchten sie jedoch ein und gewinnen an Gewicht.

Der Grundgedanke des Liedes ist das Vertrauen auf Gott. Wer den lieben Gott walten lässt – den wird er wunderbar erhalten, dem ist er nahe. Sowohl in aller Not und Traurigkeit (Strophe 1) als auch in den Freudenstunden des Lebens (Strophe 4). So lautet die Erfahrung des Liederdichters und die vieler glaubender Menschen. Wenn wir das Lied singen, legt es uns diese Haltung des Gottvertrauens auf die Lippen und vielleicht sogar ins Herz. In diesem Sinne: Stimmen wir mit ein und lassen den lieben Gott in unserem Leben walten!

Pfarrer Johannes Schüz, Evangelische Bonhoefferkirche Biberach

 

 

Geistlicher Impuls: Ein Tag wie jeder andere

Pfarrer Peter Schmogro

Seinen 19. Geburtstag hat er in Prag gefeiert. „Wir waren in der Stadt im Kaffee mit herrlichem Kuchen wie daheim“, schreibt er in seinen kleinen Taschenkalender, der ihm als Tagebuch dient. Und ergänzt: „Herrliches Wetter, der letzte ruhige Tag.“ Denn schon am nächsten Tag - es ist Sonnabend, 5. Mai - folgt die Eintragung: „Aufstand in Prag am Nachmittag“.
Den 8. Mai, den „Tag der Befreiung“ und der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht hat mein Vater auf einem zweitägigen Gewaltmarsch von Prag nach Pilsen ins Gefangenenlager erlebt. Es folgt die Zeit der amerikanischen und französischen Kriegsgefangenschaft mit viel Krankheiten, entsetzlichem Hunger und Kälte. Die Notiz „Hoffnung auf baldige Heimkehr“ taucht schon am zweiten Tag und dann immer wieder auf. Aber es dauert noch ein Jahr, bis der völlig erschöpfte, von Krankheit gezeichnete junge Mann entlassen wird. Zurück in seine Heimat Schlesien kann er nicht mehr, aber er findet seine Familie im Schwarzwald wieder.
Mein Vater hat zu einer Generation gehört, der man viel von ihrer Jugend genommen hat und auch die Chance, auf den Wohlstand der Vorangegangenen aufbauen zu können. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass er darüber jemals geklagt hätte. Im Gegenteil: „Wir waren alle heilfroh, als es vorbei war“, konnte er gelegentlich sagen. Ihm war darum der 8. Mai ganz wichtig. Und ich bin damit aufgewachsen, dass man in unserer Familie an diesen Tag erinnert hat.
Heute ist vielleicht der 8. Mai ein Tag wie jeder andere. Aber, damit er „ein Tag wie jeder andere“ bleiben kann – auch in Zukunft -, ein Tag, an dem niemand Angst um Leib und Leben haben muss, hat jede und jeder von uns eine Aufgabe: nämlich aktiv dazu beizutragen, dass sich solche Verwerfungen, die damals zum Zweiten Weltkrieg geführt haben, niemals mehr wiederholen.
„Suche den Frieden und jage ihm nach!“ mahnt die aktuelle Jahreslosung aus Psalm 34,15. Und die Formulierung ist wohlgewählt. Friede ist nicht selbstverständlich da, man muss ihn ständig suchen, ihm hinterherjagen und neu bekräftigen.
Das funktioniert aber nicht, wenn man nur seine eigenen Interessen im Kopf hat. Friede – daran erinnert die Bibel – hat immer auch eine religiöse Dimension und ist letztlich der Zustand, wo die Menschen erkennen, dass sie alle Gottes Kinder sind. Über alle kulturellen, nationalen und religiösen Grenzen hinweg. Das gemeinsam Verbindende sehen, Brücken bauen, den Kompromiss suchen… - das ist darum von uns verlangt, das heißt ganz praktisch „dem Frieden nachzujagen“. Auch heute. Und gilt im Kleinen in unserem privaten Umfeld genauso wie bei der Arbeit und ebenso in der großen Politik. In dem Sinn wünsche ich Ihnen heute einen friedlichen und gesegneten Tag.

Pfr. Peter Schmogro, Evangelische Friedenskirche Biberach/Diakonie Biberach

Geistlicher Impuls: Populismus oder nicht?

Pfarrer Ulrich Heinzelmann

Das Wort Populismus (von lateinisch populus, Volk) ist in unseren Tagen zu einem politischen Kampfbegriff geworden. Als populistisch gilt eine politische Äußerung, die vorhandene Stimmungen und öffentliche Meinungen bewusst und einseitig verstärkt. Beispiele dafür gibt es in ganz Europa zur Zeit genügend.

Trägt nicht auch Jesus in den Berichten der Evangelien gelegentlich populistische Züge? Jedenfalls war er ein "Mann des Volkes". Er hat die Herzen der einfachen Menschen angesprochen, der "kleinen Leute", der Bauern und Fischer in seiner Heimat Galiläa - "das Volk lief in Scharen bei ihm zusammen" berichtet der Evangelist Markus.

Auch die Palmsonntagerzählung vom Einzug Jesu in Jerusalem berichtet davon: "Siehe, alle Welt läuft ihm nach" konstatieren die beobachtenden Pharisäer im Johannesevangelium ernüchtert. Ihnen war der freudige und vermutlich improvisierte Empfang Jesu durch das Volk ein Dorn im Auge. Für das Volk aber schien die Botschaft vom Reich Gottes mit Händen greifbar. Deswegen die fröhlichen Hosianna-Rufe, deswegen die Palmzweige und die Huldigung mit den auf den Weg gelegten Kleidern. Die alte Prophezeiung schien sich zu erfüllen: Da kommt der gerechte König, ein Friedensbringer und ein König der kleinen Leute. Nicht hoch zu Ross, sondern auf einem einfachen Esel.

Später in der Tradition der Kirche blieb diese volkstümliche Geschichte besonders beliebt. Sie wurde mit allerlei Brauchtum zu Passionsspielen ausgestaltet. So wurde im Mittelalter häufig ein hölzerner Palmesel durch die Straßen gezogen, mit grünen Zweigen und Hosianna-Rufen wurde ihm gehuldigt, die Messbuben mussten ihre Gewänder vor ihm auf dem Boden ausbreiten. In manchen Gegenden entstand daraus gar ein fröhliches Volksfest zu Beginn der Karwoche.

Allerdings: Nur wenige Tage später kippt die Stimmung in Jerusalem um. Der politische Machtapparat nimmt sich der Sache an, die Schlinge um Jesus und seine Anhänger zieht sich langsam zu. Aus den Hosiannarufen vor den Toren der Stadt wird ein ebenso überzeugtes "Kreuzige ihn!" Und nach seinem schändlichen Tod am Kreuz wenden sich noch mehr Hosiannarufer enttäuscht von Jesus ab.

Spätestens da wird deutlich, dass Jesus nicht auf Stimmenfang aus war, wie die heutigen Populisten. Sein Anliegen war und ist es, Menschen in die Nachfolge zu rufen, sie zu begeistern für die Botschaft vom Reich Gottes. Dafür hat er gelebt, dafür ist er seinen Weg gegangen, bis in den Tod. Und darin ist er von Gott selbst am Ostermorgen "beglaubigt" und auferweckt worden. Seither geht der österliche Weckruf als große Hoffnungsbotschaft um die Welt.

Deswegen rufen auch Sie, lieber Leserin, lieber Leser,  morgen fröhlich Hosianna! Damit wir als fröhliche Christenmenschen daraus Hoffnung und Kraft schöpfen, um den hasserfüllten Kreuzige-Rufen unserer Zeit standzuhalten.

Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Stadtpfarrkirche St. Martin

 

 

Geistlicher Impuls: Gelassen lassen

Pfarrerin Margit Bleher

Gelassenheit hat Hochkonjunktur.
Wer wäre oder bliebe nicht gern gelassen, wenn Kinder wieder einmal das nicht gemacht haben worum sie gebeten wurden, Sie in Eile sind, schnell wegmüssen und gerade jetzt jemand ganz langsam ausparkt, Sie es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht haben und Ihre Schwiegermutter anruft.
Wie sieht Gelassenheit Großbritannien gegenüber aus, die sich mit ihrem Brexit unendlich schwertun?
Und wie ist es mit der Gelassenheit mir selbst gegenüber?
Schaffe ich das immer wieder einmal oder bleibt genau das die größte Herausforderung?
Ich glaube Gelassenheit hat auch deshalb Konjunktur, weil sie Ausdruck einer Sehnsucht ist. In unserer verdichteten und schnellen Zeit sehnen wir uns nach Ruhe, Entschleunigung, Heiterkeit, bei sich sein, dem Eigentlichen auf der Spur bleiben. Gelassenheit hat einen biblisch-theologischen Hintergrund. Ausgehend von den Berufungsgeschichten der Jünger im Neuen Testament hat Meister Eckhart den Begriff Gelassenheit geprägt.

Sich selbst zu lassen – bei Eckhart ist dies keine Aufforderung, sich aus allen Lebensbezügen zurückzuziehen. Eckhart selbst stand mitten im Leben. Seine zahlreichen Verpflichtungen erinnern eher an eine moderne Biographie eines Vielbeschäftigten als an die eines mittelalterlichen Eremiten. Sein Leben erscheint wie ein Theaterstück, dessen höchst komplexe Hauptfigur in immer wieder neuen Rollen auf die Bühne tritt: Als Prior des Erfurter Konvents, als Beauftragter der Ordensprovinz Saxonia, als Professor an der damals wichtigsten Universität der Welt, der Sorbonne in Paris, als Seelsorger der Straßburger Beginen, als Autor lateinischer und deutscher Texte...

Eckharts Anliegen war das Loslassen des Sichselbstbehauptenmüssens, damit Gott in uns da sein kann. Wir sind in der Passionszeit. Es gibt viele Menschen, die das Lassen üben: manche verzichten auf Süßigkeiten, andere auf Alkohol, manche auf Plastik, wieder andere aufs Fernsehen. Das vielleicht schwerste Lassen ist das sich selbst lassen. Eine gute Anleitung dazu finde ich bei Papst Johannes XXIII.


1. Nur für heute werde ich mich bemühen, den Tag zu erleben, ohne das Problem meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.
2. Nur für heute werde ich große Sorgfalt in mein Auftreten legen: vornehm in meinem Verhalten; ich werde niemand kritisieren, ja ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern - nur mich selbst.
3. Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin - nicht für die andere, sondern auch für diese Welt.
4. Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.
5. Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen; wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, ist eine gute Lektüre notwendig für das Leben der Seele.
6. Nur für heute werde ich eine gute Tat verbringen, und ich werde es niemandem erzählen.
7. Nur für heute werde ich etwas tun, für das ich keine Lust habe zu tun: sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass es niemand merkt.
8. Nur für heute werde ich fest glauben - selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten - , dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt.
9. Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, mich an allem zu freuen, was schön ist - und ich werde an die Güte glauben.
10. Nur für heute werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht genau daran, aber ich werde es aufsetzen - und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: der Hetze und der Unentschlossenheit.

Pfarrerin Margit Bleher, Referentin beim Dekan

Geistlicher Impuls: Kommt her und seht an die Werke Gottes

Pfarrerin Heidrun Stocker, Mengen

Kommt her und seht an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern. Psalm 66,5

In einer analogen Welt war es normal, dass man hingehen musste, um etwas zu sehen. Das digitale Zeitalter hat uns das abgewöhnt. Die Bilder kommen zu uns. Die Nachrichten strömen wie Wasser, sie überfluten uns geradezu. Wir tragen die Neuigkeiten buchstäblich mit uns herum, ohne die täglichen Bilder fühlen wir uns von der Welt abgeschnitten.

Wir haben Teil an Geschehen, die weit weg von uns stattfinden. So viele Bilder sind es manchmal, dass sie keinen Eindruck mehr bei uns hinterlassen. Das Staunen bleibt auf der Strecke. Wie gut wäre es manchmal, wenn wir den Tag anhalten könnten. Einen Augenblick wenigstens festhalten. Wenn wir stehenbleiben könnten in der Zeit, wie wir es vielleicht auf einem Spaziergang an unserer Lieblingsstelle tun. Wo wir anhalten, die Augen schließen und tief einatmen. Dann uns einmal um uns selbst drehen, eine neue Perspektive in uns aufnehmen, bevor wir weitergehen.

Machen Sie das in dieser Woche doch einmal. Vielleicht, wenn sie viel zu tun haben. Einfach einen Moment stehen bleiben und Staunen. Vielleicht ist es nichts Besonderes: Ein winterlicher Sonnenaufgang, die tapferen Primeln, die schon unter dem Schnee Blätter entfalten, Menschen, denen Sie täglich mit einem Lächeln begegnen. Es wird wunderbar sein. Das wünscht Ihnen

Heidrun Stocker, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Mengen

 

Geistlicher Impuls: Alles egal?

Alles egal?
Schüler antworteten: „Meine Eltern sagen immer, dass mir alles egal wäre, weil ich mein Zimmer nicht aufräume! Aber das stimmt nicht! Nur weil ich nicht gerne aufräume, ist es mir doch nicht egal, was aus meinem Leben wird.“
„Der Klimawandel ist mir nicht egal! Die Folgen der Klimaveränderung machen mir Angst!“ und ganz resigniert, „aber was nützt das? Ich habe sowieso keinen Einfluss.“  „Ich finde es ungerecht, dass Erwachsene immer sagen, uns Jugendlichen wäre alles egal. Das ist doch Blödsinn! Unsere Zukunft kann uns doch gar nicht egal sein!“


Alles egal?
Ich habe diese Frage auch Menschen gestellt, die das Lebensende vor Augen haben. Und interessanterweise war niemand unter ihnen, der sagte: Ja mir ist alles egal. Ich habe eh nicht mehr lange zu leben. Im Gegenteil! In ihren Antworten schwang immer die Sorge um die Kinder und Enkel mit und die Frage: Werden sie ein friedliches, erfülltes und glückliches Leben haben? 


Mir ist nicht alles egal!
So also der Tenor von Antworten aus den unterschiedlichsten Altersstufen. Ob diese Haltung auch bedeutet, dass sie kompromisslos für das eintreten, was ihnen wichtig ist, dass weiß ich nicht.

Alles egal, außer mir selbst! 
Wilhelm Hauff hat diese Haltung des menschlichen Herzens im Märchen „Das kalte Herz“ mit ihrer Konsequenz beschrieben. Der Protagonist Peter verkauft sein Herz für Geld und merkt bald, dass ihn nichts mehr freut, er nicht mehr lachen, weinen und lieben kann. Das Schöne berührt ihn nicht. Unglück und Not lassen ihn kalt. Auch seine Frau kann er nicht mehr lieben und als er feststellt, dass sie den Armen hilft, erschlägt er sie. Sein Herz aus Stein nimmt keinen Anteil mehr am Anderen.
Im Angesicht der zerstörten Liebe bereut Peter. Weil es ein Märchen ist wird seine Frau dann wieder lebendig und er bekommt sein Herz zurück.

Du bist mir nicht egal!
Einem, dem nichts egal war, das war natürlich Jesus. Wobei für ihn bedeutete es vor allem, nicht nach dem eigenen Vorteil zu schielen. Er setzte sich immer voll und ganz für andere und deren Wohlergehen ein. So hat er beispielsweise gesagt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan…“ (Mt. 25,40).
Es wäre unserer Erde und all den Geschöpfen, die sie bevölkern zu wünschen, dass die Menschen sie, so wie Jesus, mit einem liebenden Herzen bewohnen und sagen: Nichts ist mir egal!

Hanne Winter, Diakonin, AltenPflegeHeimSeelsorge, Kirchenbezirk Biberach

Geistlicher Impuls: "Der Himmel kann trösten…"

Pfarrerin Birgit Schmogro

Als russische Soldaten meinen Großvater erschossen, war nur meine Urgroßmutter dabei. Und die haben sie auch erschossen. Die beiden wollten nochmals nach dem Hof in Ostpreußen schauen, während der Rest der Familie sich mit dem Flüchtlingstreck schon ein Stückweit auf den Weg gemacht hat. Mein inzwischen verstorbener Vater war damals neun Jahre alt und sein Vater hat ihm ein Leben lang gefehlt.

Ich bin mit dieser Geschichte aufgewachsen: mit den Erinnerungen und den Schreckensbildern des damals kleinen Jungen, wie die Familie aus Sorge umgekehrt ist und die Leichname fand, mit dieser lebenslangen Sehnsucht nach dem Vater, den man so oft in seinem Leben noch gebraucht hätte. Wie wertvoll und wichtig Familie ist und wie wenig selbstverständlich es ist, dass wir uns haben, das hat mein Vater uns Kindern mit jeder Faser seines Lebens zu vermitteln versucht.

Vor Schicksalsschlägen vielfältigster Art ist niemand gefeit. Abschiede, Trennungen, Krankheiten, wirtschaftliche oder politische Krisen … -  immer wieder fallen Türen zu.

Ob das gerecht ist, fragen wir uns dann und womit man das verdient hat. Und auch: warum Gott das zugelassen hat. Eine Antwort darauf gibt es nicht. Zumindest keine, mit der wir jemals zufrieden wären.

Und so bleibt die Frage: Was können wir tun, wenn wir Menschen begegnen, denen es eine Lebenstür zugeschlagen hat? Rückgängig und ungeschehen machen, das kann keine Macht der Welt. Das ist auch von Christen nicht verlangt.

„Nehmt euch der Nöte der Heiligen an... Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden“, diesen Rat gab seinerzeit der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom (Röm 12,13.15). Was von Christen verlangt wird, das ist also zunächst einmal nur Beistand - im wahrsten Sinn des Wortes: dass wir beieinander stehen, stehen bleiben und Anteil nehmen sowohl bei freudigen wie auch bei leidvollen Anlässen. Das allein wäre oft genug schon eine heilsame Hilfe.

Dass sich nichtsdestotrotz aber immer wieder neu eine Türe auftut – mit Gottes Hilfe -, bleibt eine tiefe Glaubenshoffnung und -erfahrung und ist die Quelle, woraus viele ihre Kraft und ihren Lebensmut schöpfen. Für mich heißt das: Der Himmel kann trösten, ich kann Beistand leisten.

Pfarrerin Birgit Schmogro, Friedenskirche Biberach

Geistlicher Impuls: Lob der Halbheit

Pfarrerin Daniela Bleher

„Ein total toller Mensch“, jubelt meine Freundin ins Telefon, sei ihr neuer Freund. Die Jugendlichen sagen begeistert: „Die Freizeit in Kroatien war echt mega.“ Ich horche auf und möchte meine Neugier weiter befriedigen.

Gleichzeitig frage ich mich: Warum gibt es neuerdings diesen Zwang zum Superlativen und warum erreichen uns Wortlawinen, die nur vom Optimum sprechen? Die Leistungsgesellschaft trägt ihren Teil dazu bei, indem sie uns viel auferlegt. In der Schule kommt es auf die superguten Noten an. Im Beruf musst Du top sein, im Sport ein Ass. Als Partnerin oder Partner aufmerksam und verlässlich. Dabei spüren wir tief im Inneren, dass vieles nur halb gelingt, dass vieles, was wir anfangen, unfertig bleibt, dass wir die Ganzheit, nach der wir streben, nicht erreichen. So ist das Leben nicht. Vieles ist und bleibt fragmentarisch und brüchig im Leben. „

Gegen den Totalitätsterror möchte ich die gelungene Halbheit loben. Die Süße und die Schönheit des Lebens liegt nicht …… im vollkommenen Gelingen und in der Ganzheit.“ (So sagt es der Theologe Fulbert Steffensky)
Befreiend könnte es sein, die Halbheiten, schätzen zu lernen, wie Steffensky schreibt. Da bin ich eben nur eine halb gute Pfarrerin, nur eine halb gute Mutter, nur eine halb gute Ehefrau, nur eine halb gute Tochter.

Gerade da kann das Leben gedeihen, wo ich meine Halbheiten von der Kraft der Güte Gottes durchdringen lasse.  Ich bin nicht gezwungen, immer jedem alles zu sein und immer alles ganz zu sein. Wir brauchen selbst nicht Gott zu sein und auch nicht Gott zu spielen. Denn wir sind bedürftige und endliche Wesen, nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen und wir dürfen es sein. Wir leben von der Gnade Gottes und von der Gnade der Menschen.Deshalb können wir uns mit ganzem Herzen jetzt schon an der Güte des Lebens im Halben und Mittelmäßigen freuen.

Daniela Bleher, Pfarrerin, Ev. Pfarramt Heilig Geist

 

 

Geistlicher Impuls: Umtausch ausgeschlossen

Dekan Hellger Koepff

Haben Sie schon umgetauscht? Das Smartphone hatte die falsche Farbe, die Bluse war doch zu knapp gewählt, der Klappentext des Buches reißt nicht vom Hocker und das Werkzeug erweist sich als untauglich. Dann schnell im Laden zurückgegeben und gegen das ausgetauscht, was ich mir schon lange selbst kaufen wollte. Oder einfach wieder verpackt und kostenlos dem Onlinehändler zurückgeschickt. Verkäuferinnen und Verkäufer können ein Lied davon singen. Unendliche Transportkilometer verstopfen die Straßen, in Retourenzentren arbeiten Frauen und Männer Tag und Nacht, um mit dem Rückstrom Herr zu werden. Nicht wenige Produkte wandern ungenutzt in den Müll. Es lohnt sich einfach nicht, sie wieder ins Lager zu stellen.

Der schnelle Klick und die Boten, die alles ins Haus bringen und auch wieder abholen, verführen zu einer Rückgabementalität. Dabei geht es mir heute weniger um die Folgen für den Rohstoffverbrauch und um die Umweltbelastung, so gravierend und vermeidbar die sind.

Ich finde wir machen uns was vor. Wir gaukeln uns vor, die eigene Lebenszeit könnte mit geringem Aufwand einfach umgetauscht werden. Das jedoch gelingt weder im Laden noch über das Internet. Meinen Tag, mein Jahr, so wie ich es gelebt habe, kann ich nicht rückgängig machen, auch nicht das Jahr 2018. Es gehört zu mir mit allem, was war. Alles, was ich erlebt habe, bleibt mit mir verbunden.

Die beglückenden Begegnungen, der verliebte Augenblick, das Erfolgserlebnis, als ich im Sport meine Möglichkeiten ausgedehnt habe, der Glücksmoment der neuen Stelle oder das hinreißende Naturschauspiel bei einer Reise. Alles das lege ich gerne ins Schatzkästlein des zu Ende gehenden Jahres. Doch auch das andere bleibt mir: Die verletzenden Worte im erbitterten Streit, die ich gerne ungesagt gemacht hätte, das ewige Missverstehen, ein fürchterlicher Abschied, Demütigungen am Arbeitsplatz, Ärger mit dem Vermieter. Alles das gehört auch zu meinem Jahr.

Wer in diesen Tagen auf das Jahr 2018 zurückblickt, entdeckt beides. Umtausch ausgeschlossen, Rückgabe nicht möglich. So stehen wir vor der Aufgabe, uns versöhnen zu lassen mit allem, was war. Beides gehört zu mir. Ein Beter in den Psalmen des Alten Testamentes vertraut auf Gott und sagt: „In deiner Hand, Gott, liegen alle meine Zeiten“. Kann das auch Ihr Satz sein in dieser Zeit zwischen den Jahren?

 

Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach

Geistlicher Impuls: "Frohe Weihnachten!"

Pfarrer Ulrich Heinzelmann

wie oft haben Sie das in den letzten Tagen wohl gehört oder als Wunsch selbst an andere weitergegeben: "Frohe Weihnachten!"? Ein Wunsch, der das sprichwörtliche weihnachtliche Gefühl anspricht: Festtage in froher Runde, im Kreis der Familie, mit Verwandten und Freunden. Dazu Festessen, erfreuliche Geschenke, zufriedene Gesichter... Ein solches "Weihnachtsgefühl" ist allerdings ein Gefühl auf dünnem Eis. Es lebt von vertrauten, seligen Erinnerungen - es hat aber auch eine bange Seite. Nicht selten kommt es vor, dass gerade an diesen Tagen Streit und Konflikte aufbrechen, dass Erwartungen an besonders harmonische Festtage enttäuscht und Einsamkeit und Verlassenheit noch schmerzlicher empfunden werden. Manch einen springt in diesen Tagen das Elend in unserer Welt noch deutlicher an als sonst. Besorgniserregende Gründe dafür gibt es wahrhaftig genug. Als vernünftige, aufgeklärte Menschen (für die wir uns ja in der Regel halten) wissen wir auch, dass Geschenke nicht das Christkind bringt. Unsere materiellen Wünsche erfüllen wir uns selbst. Die Paketdienste stöhnen in diesen Tagen unter der Flut von Paketen. Und nach Weihnachten quellen die Postämter über von Retouren, weil das per Mausklick bestellte Geschenk doch nicht das richtige war...

Was ist noch mit gemeint, wenn wir "frohe Weihnachten" wünschen? Wünschen wir uns im Grunde unseres Herzens etwas, was wir kaum auszusprechen wagen (aus Angst, uns lächerlich zu machen)? Etwas, das nicht in Geschenkpapier eingepackt werden kann? Heribert Prantl schreibt: "Man wünscht sich etwas anderes, etwas Großes: dass der Engel, der in der Weihnachtsgeschichte 'Frieden auf Erden' verheißt, vielleicht doch nicht gelogen hat; dass der finstere Lauf der Dinge angehalten wird und der Himmel zerreißt..." Prantl nennt solche Wünsche treffend "nackte Lebenswünsche": der Wunsch nach Frieden, in einer Welt, in der wieder offener mit den Säbeln gerasselt wird; nach Geborgenheit in zunehmender Anonymität und Einsamkeit; nach Zuhause inmitten all der Fluchtbewegungen; Brot und Auskommen für die Ärmsten dieser Erde; kurz: nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit.

Es ist wie ein stilles Gebet, wenn wir etwas von Herzen wünschen. Beten und Wünschen sind miteinander verwandt. Ein "frommer Wunsch" hat seine eigene Würde und seine eigene Kraft. Indem ich also "frohe Weihnachten" wünsche, setze ich auf die Hoffnung, dass mein Wünschen nicht ins Leere läuft. Ich hoffe auf Resonanz meiner Fragen, darauf, dass das Seufzen und Klagen der Kreatur nicht ungehört verhallt. Ich ermutige mich selbst und andere auf die unerfüllbaren, großen Wünsche zu bauen und dem verbreiteten Gefühl der Ohnmacht ("man kann ja doch nichts machen") zu widersprechen. Vielleicht haben die himmlischen Heerscharen doch nicht gelogen, wenn sie über dem Stall von Bethlehem singen: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens". Lassen wir uns darauf ein. Frohe Weihnachten!

Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Biberach, Simultankirche

 

Geistlicher Impuls: Gesicht zeigen

Pfarrerin Daniela Bleher

Übergroße, rote Buchstaben auf den Werbeflächen unserer Stadt buhlen in diesen Tagen um Aufmerksamkeit. Zu lesen ist da: Gesicht zeigen ist wieder im Kommen.

Ein Biberacher Brillengeschäft will damit Kunden locken.

Wenn ich die Worte zu mir sprechen lasse, komme ich aber ins tiefere Nachdenken.  Was heißt denn eigentlich „Gesicht zeigen“? Wann zeigen wir unser Gesicht? Wann verstecken wir uns lieber?

Manchmal möchten wir nicht gesehen werden, weil niemand unsere Traurigkeit sehen soll oder weil wir den Anforderungen, die uns gestellt sind, nicht genügen können oder weil wir lieber für uns sein wollen.

Manchmal ist es gerade anders herum, dann wollen wir groß rauskommen. Jeder soll sehen, wie freudig oder wie erfolgreich wir sind. Da zeigen wir gerne unser Gesicht.

Ich google die zwei Worte und werde auf die Homepage eines Vereins geführt: gesichtzeigen.de.

Das ist ein Verein, der für ein weltoffenes Deutschland eintritt. Dieser Verein bietet Veranstaltungen und Fortbildungen an, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung einsetzen.

Gesicht zeigen meint in dieser Lesart also: klar Stellung zu beziehen, wenn etwas schief läuft in unserer Welt. Nicht schweigen; das Wort erheben, wenn andere Menschen aufgrund ihres Glaubens, oder ihrer Volkszugehörigkeit diskriminiert werden.

Beim weiteren Nachdenken zeigt sich mir in diesen Worten auch ein adventlicher Hintersinn. Wir warten in diesen Tagen auf das Kommen Gottes in unserer Welt.

Mit dem Kommen Gottes in unsere Welt im kleinen Kind in der Krippe, das wir an Weihnachten feiern, zeigt uns Gott sein menschliches Gesicht. Er zeigt sich uns in diesem zerbrechlichen , schutzbedürftigen Menschlein. Wie gut, dass dieser Gott nicht fernab im Himmel geblieben ist, sondern nahbar geworden ist und uns anlächelt mit dem Gesicht eines kleinen Kindes.

Deshalb können auch wir unser Gesicht zeigen – ob mit oder ohne Brille. Gegenüber den Menschen, mit denen wir leben: gegenüber den Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir arbeiten, gegenüber den Menschen in unserer Nachbarschaft und gegenüber den Menschen in unserer Familie.

Mit unseren Schwächen und Stärken, mit unseren „ Lernfeldern“ und unseren Gaben, mit unseren Misserfolgen und Erfolgen, mit unseren Narben und unseren Schokoladenseiten.

Und: Wir können auch unser Gesicht zeigen, damit andere ihr Gesicht nicht verlieren, die eine andere Herkunft haben, die anders sind als wir.

Gesicht zeigen – in jeder Hinsicht- ist wieder im Kommen.  Spätestens seit Weihnachten.

 

Pfarrerin Daniela Bleher
Evangelische Stadtkirchengemeinde Biberach, Pfarramt Heilig Geist

Geistlicher Impuls: Von Tauben und Menschen

Pfarrer Johannes Schüz

Waren Sie schon einmal in Stuttgart am Hauptbahnhof? Dann sind Ihnen bestimmt die unzähligen langen, spitzen Nadeln aufgefallen, die dort auf Bahnhofsuhren und Anzeigetafeln, auf Simsen und Absätzen in den Himmel ragen. Sie verhindern, dass sich Tauben gemütlich niederlassen und das monumentale, denkmalgeschützte Gebäude verunreinigen.

Vergleichbares ist mir vor einiger Zeit in London aufgefallen. In der Innenstadt wurden vor vielen Schaufenstern und Ladenlokalen und teilweise sogar auf öffentlichen Plätzen spitzige Dornen aus Metall angebracht. Diese richteten sich jedoch nicht etwa gegen lästige Tauben, sondern - ja - gegen Menschen. Die sogenannten „Anti-Homeless-Spikes“ sollten Obdachlose vertreiben, die sich dort niedergelassen hatten um zu betteln. Der Anblick dieser Menschen erschrecke und vertreibe die Kundschaft, so die Ladenbesitzer.

Mich hat das bewegt: Diese fiesen Nägel sollten bedürftige Menschen vor den Geschäften und am besten gleich aus der Innenstadt vertreiben. Und verschwindet mit diesen Menschen dann auch deren Not aus der Öffentlichkeit? Geholfen wird ihnen damit sicher nicht, vielmehr wird ihre Not einfach ausgeblendet und verdrängt.

Das ist gefährlich! Wenn wir das Elend, von dem es auch bei uns zu viel gibt, nicht mehr sehen und wahrnehmen, kann es auch gar nicht mehr unsere Herzen erreichen.

An dieser Stelle fasziniert mich Jesus auf besondere Weise. Die Bibel ist voller Geschichten, in denen er die Nähe zu den Menschen sucht, die am Rande der Gesellschaft stehen. Gerade mit den Außenseitern, mit denen sonst niemand etwas zu tun haben möchte, pflegt Jesus Gemeinschaft.

Es beeindruckt mich, dass ihn das Schicksal dieser Menschen offenbar nicht kalt lässt, sondern dass ihn deren Not im Herzen berührt. „Es jammert ihn“ heißt es in der Bibel.

Und dann gefällt mir, dass die Begegnungen mit Jesus für die Beteiligten oft ein gutes Ende haben. Jesus „jammert“ die Not nicht nur, sondern nur zu oft sorgt er dafür, dass sich ganz konkret etwas an deren Situation ändert. Und deren Leben wieder von Gott geschenkte Fülle bekommt.

Übrigens: Auch die Geschichte aus London nahm ein gutes Ende. Gegen die spitzigen Dornen regte sich großer öffentlicher Protest. Und zum Glück wurden die meisten Nägel letzten Endes dann wieder entfernt!

 

Pfarrer Johannes Schüz, Evangelische Bonhoefferkirche Biberach

 

Geistlicher Impuls: Abgehängt

Pfarrer Peter Schmogro

„Neulich beim Zugfahren…“ – so beginnen zur Zeit viele Geschichten. Und dann erzählt man sich seinen Ärger über Züge, die nicht losfahren, oder die so verspätet ankommen, dass man seinen Anschluss nicht mehr kriegt. Oder die wegen technischem Versagen in irgendeinem Bahnhof liegenbleiben…

Was wir derzeit beim Zugfahren – leider recht häufig – erleben, spielt sich nicht nur auf Bahnhöfen ab. Den Anschluss verpassen viele: in der Bildung, im Beruf, in der Gesellschaft und Politik. Aber auch in der Gesundheit, im Gefühlsleben und in der eigenen Religiosität.

Wir leben heute in einer Zeit, in der sich viele „abgehängt“ fühlen. Nicht mehr mitkommen. Oder auch gar nicht mehr mitkommen wollen. Das macht das Zusammenleben nicht einfach.

Soll man das jetzt so hinnehmen? Ein Klagelied drauf anstimmen, dass unsere Gesellschaft immer mehr auseinanderdriftet?

Uns Christen ist das verwehrt. Und zwar aus zwei Gründen.

Erstens: Durch die ganze Bibel zieht sich wie ein roter Faden das Bekenntnis und das Vertrauen, dass wir es mit einem Gott zu tun haben, der die Abgehängten wieder einsammelt. Nur, um ein Beispiel zu nennen: „Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken…,“ sagt Gott beim Propheten Hesekiel (Hes 34,16).

Und die Botschaft ist klar: Wenn Gott die Abgehängten sucht, dann müssen wir es auch, müssen immer wieder schauen, wie wir Brücken zu denen bauen, die den Anschluss nicht mehr finden. Uns Christen treibt dabei eine starke Vision: Die Vision, dass Gott uns zusammenbringt. In Frieden.

Aber, das ist keine Einbahnstraße. Auch alle, die sich „abgehängt“ fühlen, stehen in der Verpflichtung und Verantwortung, was zu tun.

Denn es gilt nämlich auch zweitens: Jesus ruft uns alle zur Umkehr. Heißt: Wir müssen auch selbst dafür sorgen, dass wir wieder den Anschluss kriegen: Den Anschluss an Gott, an unsere Mitmenschen und uns selbst. Den Anschluss ans Leben. Niemand darf sich in seinem Schicksal eingraben.

Heute feiern viele Christen den Buß- und Bettag. Ein Tag zum Umkehren, ein Tag, um sich nicht länger abhängen zu lassen, im Vertrauen, dass uns ein gnädiger Gott sucht und Anschluss, Halt und Heimat gibt. Ihnen auch!

Pfr. Peter Schmogro, Evangelische Friedenskirche Biberach / Diakonie Biberach

 

 

Geistlicher Impuls: Der 9. November - ein Tag schwer von Geschichten

Pfarrerin Margit Bleher

Am vergangenen Freitag jährten sich die Pogrome der Nationalsozialisten gegen jüdische Menschen zum achtzigsten Mal. Vor dem Hintergrund eines wiedererwachenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft, aber auch dem Attentat auf eine Synagoge in Pittsburgh, wird deutlich, dass dieses Thema auch nach 80 Jahren nicht erledigt ist.

Der 9. November – ein Tag schwer von Geschichten. Als Schicksalstag der Deutschen wurde er bezeichnet. Mit ihm verbinden sich nicht nur die Novemberpogrome der Nazis, sondern auch die Ausrufung der Weimarer Republik 1918, der Hitlerputsch 1923 und der Fall der Deutschen Mauer 1989. Ein Tag schwer von Geschichten, ein Tag mit dem sich Freude und Trauer verbinden.

Wir brauchen solche Tage.

2018 haben Aleida und Jan Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für ihre Arbeit bekommen. Sie beschäftigen sich mit dem kulturellen Gedächtnis einer Nation und wie wichtig dieses für ein friedliches Miteinander der Menschen ist.

Wir brauchen solche Erinnerungsräume wie den 9. November. Er stiftet Identität. In dem, was gelingt und was schwer ist. Gerade in einer Zeit des wachsenden Populismus und Nationalismus erinnert er uns an die Stärke der Demokratie.

Erinnerungsräume, eine Erinnerungskultur. Als Christen ist uns das vertraut. Das ganze Kirchenjahr ist nichts Anderes als ein großer Erinnerungsraum. Im Kirchenjahr beschäftigt sich der November mit Fragen wie Schuld und Verantwortung, mit Tod und Ewigkeit. Eine angemessene und gelingende Erinnerungskultur schafft Räume für die Gegenwart, für die Werte, die in ihr gelten sollen, für den Beitrag, zu dem wir aufgerufen sind. Erinnerung schafft Identität und Vergewisserung. Damit Verantwortung übernommen werden kann und Dankbarkeit ihren Ort findet.

Der 9. November – ein Tag schwer von Geschichten. Wir brauchen ihn.

Pfarrerin Margit Bleher, Biberach

Geistlicher Impuls: Haltbarkeitsdatum

Pfarrerin Birgit Schmogro

Wie lange hält bei Ihnen die Milch im Kühlschrank? Oder der Salat? Oder das Gemüse? Für unsere Familie war’s ein Aha-Erlebnis, als wir vor nicht allzu langer Zeit einen neuen Kühlschrank gekauft haben. Seither hält die Milch gefühlt ewig. Zumindest im Vergleich zu vorher. Und ebenso die anderen Nahrungsmittel. Es ist schon großartig, was heutige Haushaltsgeräte können.

Die Dinge lang aufbewahren das ist uns aber nicht nur in der Küche wichtig.  Was heben wir nicht alles auf, sammeln wir, holen’s nochmals aus dem Papierkorb raus und sagen dann: “Wer weiß, wozu man das nochmals brauchen kann?” Und: wieviel Anti-Aging-Cremes stehen in den Badezimmern, Make-Ups, Pillen, Brausetabletten… - alles Mögliche, womit wir unser Älterwerden, die zunehmenden Falten bremsen und das Haltbarkeitsdatum nach hinten verschieben wollen.

Nur, wir wissen ja, wie das am Ende ausgeht. Der beste Kühlschrank nutzt uns nichts. Irgendwann ist auch da die Milch sauer. Und die beste Anti-Aging-Creme kann uns nicht drüber wegtäuschen, dass wir halt doch mit jedem Tag ein kleines bisschen älter werden. Und wie hat mein Orthopäde vor einiger Zeit mal so einfühlsam gemeint: “Ja, Frau Schmogro, Sie sind keine 30 mehr.”

Es bleibt nichts so, wie es ist. „Das Wesen dieser Welt vergeht“, meint der Apostel Paulus ganz lapidar (1. Kor. 7,31).

Sollen wir jetzt in das allgemeine Klagelied einstimmen, dass alles nicht mehr so ist, wie es mal war, dass alles „den Bach runtergeht“, wir am Ende alle ganz schön „alt aussehen“? Nein! Die Evangelischen feiern demnächst den Reformationstag und die Katholiken Allerheiligen. An beiden Tagen besinnen sich Christen auf je ihre Weise, dass das Leben vergänglich ist und sich die Dinge ändern und reformieren müssen. Aber das tun wir Christen mit einer sehr positiven Grundhaltung. Zu unserem Glauben gehört die Zuversicht, dass unser Leben immer auf Gott zugeht. Unsere Zukunft ist eine Zukunft mit Gott.

Und das hat zwei Konsequenzen: Das schafft Gelassenheit, dass wir uns dem Lauf der Dinge nicht unnötig in den Weg stellen, wo wir nichts ausrichten können. Irgendwann ist auch unser Haltbarkeitsdatum abgelaufen. Aber es gibt auch Mut, die Dinge, die sich ändern lassen – im Privaten wie in der Gesellschaft -, schon heute auf Gottes gute Zukunft hin zu reformieren. Denn bei Gott hält am Schluss alles ewig.

Pfarrerin Birgit Schmogro, Friedenskirche Biberach

Geistlicher Impuls: Die Verbindung liegt in der Vergangenheit

Pfarrerin Daniela Bleher

Wer im Internet nach Zugverbindungen Ausschau hält und dabei eine Abfahrtszeit eingibt, die vor der Jetztzeit liegt, wird mit dem tiefgründigen und gleichzeitig emotionslosen Satz abgespeist: Die Verbindung liegt in der Vergangenheit. Kurz und schroff gesagt: Der Zug ist abgefahren.

Was im täglichen Leben für Reisende zu Ärger und Wutanfällen führen kann, ist ganz anders, wenn wir diesen Satz aus Gottes Perspektive betrachten.

Denn Gottes Verbindung zu uns Menschen –  sie liegt nicht in der Vergangenheit. Ihren Grund hat diese besondere Verbindung gleichwohl in der Vergangenheit. Als Gott den Menschen erschaffen hat, hat er zugesagt, dass er für seine Menschen Sorge tragen will und für sie da sein will.

Diese Verbindung, seine Nähe zu uns Menschen hat Bestand. Sie gilt auch heute und sie reicht in die Zukunft hinein.

In besonderen Augenblicken können wir diese Verbindung zu Gott und zu allem, was lebt, spüren. Dann nämlich, wenn wir aufmerksam und achtsam sind für alles, was um uns herum ist.

Es kann sein, dass wir an einem Apfel, den wir essen wollen, erst einmal riechen, dass wir seinen süßen Duft wahrnehmen, dass wir die glatte oder eher schrumpelige Schale mit unseren Fingern fühlen und dass wir die Farbe dieses Apfels genau anschauen. Ist sie eher rötlich, grün oder gelb. Und das alles geschieht, ohne schon auf die Uhr zu schauen wegen eines anstehenden Termins oder  ohne an den Telefonanruf zu denken, der noch zu erledigen ist.

Oder es kann sein, dass wir unserem Gesprächspartner gut zuhören ohne gleich eigene Erlebnisse einwerfen zu müssen oder wir erleben es andersherum, jemand ist ganz Ohr für das, was wir zu erzählen haben.

In solchen Momenten sind wir verbunden mit uns selbst, mit anderen, mit der Schöpfung und mit Gott. Wir sind ganz gegenwärtig. Diese Verbindung liegt nicht in der Vergangenheit. Sie geschieht jetzt. Spüren wir ihr nach.

Pfarrerin Daniela Bleher, Stadtkirchengemeinde (Pfarrbezirk Heilig Geist)

Geistlicher Impuls: „Beam me up, Scotty!“

Diakonin Hanne Winter

Nicht lange im Zug oder Auto sitzen müssen um Freunde und Familie zu besuchen. Die schönsten Fleckchen der Erde in Sekunden erreichen; die Erdgrenzen ohne viel Aufwand überwinden und in kürzester Zeit auf einem anderen Planeten stehen. Ich finde die Idee des „Beamens“, in den Science-Fiction-Serien, faszinierend! Allerdings hat sie für mich auch einen Wehrmutstropfen: Wenn sich alle ständig von einem Ort zum Nächsten beamen, wen trifft man dann noch zuhause an?

Beam – Geräte, mit denen man in wenigen Sekunden weite Räume überwindet, bleiben wahrscheinlich eine Utopie. Aber wie sich das Leben in einer Welt mit kürzer werdenden Distanzen anfühlt, dass weiß ich schon heute. Erfriert beispielsweise eine Nacktschnecke am Nordpol, dann lese ich es spätestens am nächsten Tag in der Zeitung. Noch schneller geht es, wenn ich Twitter und Co. nutze.

„Früher war alles gemütlicher!“ höre ich im Bürgerheim - Quartier. Ja, denke ich, wie gut täte auch mir die Entschleunigung! Gleichzeitig weiß ich, dass sich diese Welt nicht mehr zurückholen lässt. Und: Ich müsste ja auch auf einiges Angenehme verzichten! 

„Ich stehle ihnen ihre kostbare Zeit!“ sagt mir so manch alte Mensch bei meinen Besuchen. „Nein, das tun sie nicht,“ lautet meine Standardantwort, denn ich erlebe das Gegenteil! Die Besuche sind für mich wie eine Zeitinsel in der nichts Anderes zählt als die Gegenwart. Ich bin einfach da! Alles was passiert, entsteht, weil Zeit dafür ist. Manchmal kommen sehr tiefe Gespräche zustande; manchmal ein Sitzen im gemeinsamen Schweigen; manchmal der Austausch von Erlebnissen oder sogar ein Tanz, das Singen eines Liedes, herzhaftes Lachen.

Ich höre: „Im Alter braucht alles viel Zeit!“ Ja, ich kann verstehen, dass es anstrengend ist, wenn man ausgebremst wird. Trotzdem denke ich: „Wie hilfreich ist es zu spüren, dass etwas seine Zeit braucht!“ Dieses Wissen scheint mir in unserer beschleunigten Welt nämlich immer mehr verloren zu gehen.

„Wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert“, schreibt Paulus im 2. Kor. 4,16 und lenkt den Blick weg vom Äußerlichen. Im Altern entdeckt er innere Weite und teilt diese Erfahrung mit seinen Lesern. Sicher darf man den Verfall des Körpers nicht glorifizieren; noch die Anstrengungen des Alterns herunterspielen. Doch ich lerne von Paulus, dass die Lebensphase des Alters zum Segen für alle werden kann.

Der körperliche Verfall mag erschrecken, doch er sollte nicht das Potential der inneren Reife im Alter verdecken. Für mich ist es ein Gewinn, Zeit mit Menschen in ihrer letzten Lebensphase teilen zu können, denn: „wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert“.

Hanne Winter, Diakonin, AltenPflegeHeimSeelsorge, Kirchenbezirk Biberach

 

 

Geistlicher Impuls: Wer sieht mich an?

Unterschiedliches kann diese Frage auslösen. Es gibt achtsam-freundliche Aufmerksamkeit und liebevolle Blicke, aber genauso auch die kritisch-kontrol-lierende oder die verachtend-feindlichen Sicht. - Sehr spannend kann es auch sein, wie ich mich selbst anschaue.

„Ansehen“ hat eine vielschichtige Bedeutung. Wer es genießen darf, hat einen „Sonnenplatz“. Wer nicht gesehen wird, dem macht das Leben Mühe.

Eine biblische Geschichte erzählt davon: Ein seit Geburt gelähmter Bettler sitzt vor der Tür des Gotteshauses auf dem Boden. Er ist „unten“, hält die Hand auf. Plötzlich wird er angesprochen. Zwei Männer nehmen sich Zeit für ihn. „Sieh uns an!“ sagen sie zu ihm. Beziehung wollen sie mit ihm. Sicherlich erstaunt, schaut der Bettler auf und streckt ihnen seine offene Hand bittend entgegen. Doch er bekommt kein Geld. Das haben die Männer selbst nicht. Sie schenken ihm kein Almosen sondern achtsame Würdigung und Zuwendung auf „Augenhöhe“. Sie teilen mit ihm ihr Vertrauen, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Doch ein von Geburt an Gelähmter, der täglich zum Betteln an die Tür des Gotteshauses getragen wird, ist und bleibt ein „armer Tropf“, dem man mitleidig mal was gibt. So ist das!

Doch diese Normalität haben die Männer schon damit durchbrochen, dass sie ihn anschauen. Und sie sehen da mehr als den „armen Tropf“, der ganz unten ist und froh sein kein, wenn man ihm mitleidig was in die Bettelschale legt. Sie haben einen Menschen vor Augen, der wie jede und jeder andere auch „Ebenbild Gottes“ ist. Sie entdecken in diesem bettelnden Krüppel zugleich Gottes geliebtes Kind, das Gott freundlich-liebevoll ansieht. Diese Sichtweise ändert alles.

Meine alte Nachbarin ist Gottes geliebte Tochter. – Doch wie merkt sie das? – Die biblische Geschichte sagt mir: Wenn sie beachtet und freundlich angesprochen wird, kann sie es ahnen. Auch der Ziehharmonikaspieler am Marktplatz ist Gottes geliebter Sohn. Evtl. spürt er es, wenn ich ihm nicht nur Geld gebe, son-dern mich für seine Musik bedanke, ihn „sehe“. Der Flüchtling … ja auch er Gottes geliebtes Kind. – Damit haben manche Probleme. - Doch die werden in der Regel kleiner, wenn wir uns ansehen, uns kennenlernen, zusammen kochen …

Die biblische Geschichte (Apg 3) berichtet dann noch von einem Wunder, durch das der bettelnde Krüppel zu einem „angesehenen Menschen“ wird. - Für mich ist aber auch ein Wunder, dass die beiden Männer den Bettler nicht übersehen und links liegen lassen. Es interessiert mich sehr, wie es dazu gekommen ist. – Nur eins weiß ich von den Zweien: Sie wollten Beten gehen. D.h.: Sie haben eine Beziehung zu Gott und vertrauen darauf, von Gott freundlich und gnädig angeschaut zu werden. Bei Jesus haben sie das gelernt, dem sie folgen. Durch

ihn spüren sie den aufmerksam-freundlichen Blick Gottes. Ob wir den auch bemerken? Dadurch würden wir anders in die Welt schauen.

Michael Pfeiffer, Evang. Schuldekan in Biberach

Geistlicher Impuls: Rede darüber

Dekan Hellger Koepff

„Schwätz‘ doch net raus“, so reagierte ein Camper, als er unsere Familie vor dem Zelt sitzen sah. Auf dem Tisch lag das Gesangbuch, wir stöberten darin. „Was macht ihr denn damit?“, wollte der Passant wissen. Er war von seinem Wohnwagen mit Württemberger Kennzeichen auf dem Weg zum Strand. Als er hörte, dass meine Frau und ich sind Pfarrerin und Pfarrer, glaubte er uns nicht: „Schwätz‘ doch net raus“. Kopfschüttelnd zog er von dannen.
Als ganz normale Urlauber in Sportklamotten oder Badehose, schwitzend beim Wandern oder Radfahren, entspannt am Strand, wissbegierig bei der Stadtführung – manche Zeitge-nossen können das offensichtlich nicht mit dem christlichen Glauben zusammenbringen. Ganz normale Menschen, die ganz alltäglich auch von ihrem Glauben sprechen? Dabei gibt es viele von ihnen.
Die Mitgliederzahlen der Kirchen sind wieder gesunken, so war vor einigen Tagen in der Presse zu lesen. Austritte und die älter werdenden Gemeindeglieder werden als Hauptgrün-de genannt. Da muss die Kirche doch endlich gegensteuern, hieß es. Sie hat doch ein gutes Produkt. Ein Leitartikler sprach von Markenkernen, die die Kirche habe, und er nannte die Vergebung der Sünden, die Gewissheit der Erlösung und die Botschaft von der Treue Gottes zu den Menschen, nicht zu vergessen den Aufruf zur Nächstenliebe.
Recht hat er, Ludger Möllers von der Schwäbischen Zeitung. Doch wer soll von den Marken-kernen reden oder dem Glauben an Gott und Jesus Christus ein Gesicht geben? Die Kirche – und das sind wir alle. Jeder, dem der Glaube an Gott zum eigenen Halt geworden ist. Jede, die trotz mancher Zweifel immer wieder anfängt zu beten. Alle, die Gott suchen und sich nicht mit billigen Antworten abspeisen lassen. Kurz: Alle Christen.
Vielleicht geht das in den kommenden Wochen leichter als sonst. In den Ferien habe ich Muße zu spüren, was mir wirklich gut tut. Am Urlaubsort kann ich mal wieder einen Gottesdienst besuchen – keine Angst, da ist zunächst mal niemand, der dich kennt. Mit Unbekann-ten kann ich auch mal ein Gespräch anfangen, das mir zuhause peinlich ist.
Probieren Sie es einfach aus: Reden Sie im Urlaub von dem, was Ihnen Halt gibt. In ganz normalen Worten, so wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. „Gebt Auskunft über die Hoffnung, die in euch ist“, heißt es im 1. Petrusbrief. Warum nicht im Urlaub? Entgegnet einer dann „Schwätz‘ doch net raus“, ist die Überraschung gelungen und einer beginnt nachzudenken.
Eine erholsame Sommerzeit, wo immer Sie sind
Hellger Koepff, evangelischer Dekan

Geistlicher Impuls: In den großen Ferien ...

Pfarrerin Daniela Bleher, Heilig-Geist-Gemeinde Biberach

 „In den kommenden großen Ferien haben wir unnachahmliche Dinge vor. Wir möchten einige Dinge unternehmen, die wir bis jetzt noch nie unternommen haben. Wir wollen uns zum Beispiel von unserem Land und unserer Zeit verabschieden.Wir stimmen mit beiden nicht mehr so ganz überein. Es tut uns leid, aber die Jahre sind dahin. Gut. In den großen Ferien werden wir natürlich auch einen alten Wald bewundern und uns vorsichtig einem dunklen See nähern. Und endlich ein dickes Buch, das wir schon immer zu Ende lesen wollten, zu Ende lesen. Niemand soll uns erreichen, wir haben uns vorgenommen Haken zu schlagen und wollen ständig unsere Spuren verwischen. Und eine Sprache sprechen, die uns nicht verrät, nicht mal eine weiße Fahne werden wir mitführen. In den großen Ferien wollen wir ein Narrenschiff stehlen. Natürlich ein lächerliches Ruderboot und werden soweit aufs Meer hinausfahren, dass niemand unser Weinen hört. Manchmal nachts, wenn wir der Widersprüche nicht Herr werden in den großen Ferien, wollen wir einen Segelflieger bitten uns hinaufzufliegen, dass wir einmal die Erde ohne uns sehen.In den großen Ferien werden wir natürlich auch eine Eisdiele besuchen. Einen Zoo, eine alte gemütliche Kirche und eine Tropfsteinhöhle wie das so üblich ist. Aber wer uns nach Land und Zeit fragt, nach Antworten und Lösungen, nach Vergangenheit und Zukunft, dem wollen wir in den großen Ferien einen Kuß auf die Stirn geben, denn so heilig und so fehlerlos wollen wir in den großen Ferien nicht sein. In den großen Ferien möchten wir fröhlich sein und eine Geschichte der Gleichgültigkeit schreiben. Und wenn wir nach wenigen Wochen zurückkehren müssen, wird es denken wir früh genug sein, sich dann den staatlichen Aufsichtsbehörden und einer vernunftbegabten Gesellschaft wieder zu stellen.

Wenn nichts dazwischenkommt.“

Der große Kabarettist und leider schon verstorbene „Theopoet“ Hanns Dieter Hüsch malt mit diesen Worten ein schönes Bild von den Ferien und der Urlaubszeit.

In der Ferienzeit spüren wir die Sehnsucht in uns besonders stark, die unsere Aufmerksamkeit weglenkt vom Alltäglichen an andere Orte und Plätze. Wir wollen Abstand gewinnen von dem, was uns täglich umgibt und umtreibt.

Der Sehnsucht wegen brechen wir immer wieder auf zu neuen Ufern, geben uns nicht zufrieden mit dem, was ist, verlassen eingefahrene Gleise und probieren Neues aus.

Andere Plätze, andere Luft, ein anderer Zungenschlag, Essen, das anders schmeckt als wir es gewohnt sind, üben eine große Faszination auf uns aus.

Doch fühlen wir uns von dieser Sehnsucht einmal anderes zu erleben auch getrieben. Sie ist Last und Lust zugleich.

Denn auch im Urlaub bleibt ein Rest dieser Sehnsucht nach Ruhe, Freiheit und einfach nur Mensch sein ungestillt - nicht nur, weil wir wissen, dass wir wieder zurückgehen müssen und uns wieder der Verantwortung bei der Arbeit oder in der Familie oder wo auch immer stellen müssen, sondern, weil wir auch spüren, dass wir diese innere Unruhe nie ganz loswerden.
Der Kirchenvater Augustinus hat diesen Zustand in diesem Satz zusammengefasst: „Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir, mein Gott.“

Der Blick im Urlaub über die unendliche Weite, die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut und das wohlige Gefühl im Bauch lassen uns dennoch ahnen, dass es einen Ort gibt, an dem unsere Unruhe ein Ziel findet, an dem unsere Sehnsucht für immer gestillt ist und wirklich nichts mehr dazwischenkommt.

Pfarrerin Daniela Bleher,  Evangelische Heilig Geist Gemeinde

Geistliches Wort: Gedankensprungbretter

Pfarrerin Andrea Luiking, Evang. Versöhungskirche Ummendorf

Urlaubszeit. In den Buchläden liegen jetzt Sommerbücher und Urlaubslesetipps. Erst mal gefällt es mir, dass der Urlaub Lesezeit ist. Ist mir sympathischer als Zeit für anstrengende sportliche Vorhaben. Ich muss nicht vom 10-Meter Turm springen, ich darf lesen, wenn ich frei habe. Zustimmung meinerseits. Ich frage mich dann aber: was ist denn ein Urlaubsbuch? Eines, das leicht daherkommt und von Liebe oder Mord an einem Fjord handelt? Oder ist gerade im Urlaub Zeit, mal etwas zu lesen, bei dem man dranbleiben muss? Soll ich für den Urlaub eher Thomas Manns großes Werk „Josef und seine Brüder“ in den Koffer packen, das ich immer schon mal lesen wollte? Oder stattdessen Bücher, die auch etwas dösig in der Mittagshitze im Süden noch verstanden werden können?

Also ich bin eher der Typ, der was Rechtes braucht, wenn schon mal der Kopf frei ist dafür. Meine aktuelle Lieblingsautorin könnte ich in den Koffer packen. Es ist Sibylle Lewitscharoff, ganz wunderbar humorvoll und klug. Am 18.10. kommt sie übrigens auf Einladung des Evangelischen Bildungswerks zur Lesung nach Biberach. Mir gefällt, wie sie z.B. in „Blumenberg“ beschreibt, wie das Unglaubliche sich einnistet im Leben eines Professors. Es ist in Form eines Löwen auf dem Teppich ganz unaufgeregt plötzlich da.

Oder wie wär´s mit einer Annäherung an das Buch der Bücher, die Bibel? Spannend und wie ein Roman zu lesen finde ich Nico ter Linden. Er schafft es im Buch „Die schönsten Geschichten der Bibel“ gleichzeitig menschlich und poetisch zu erzählen. Er kann von Abraham so erzählen, dass ich plötzlich begreife, wie schwer es ist, aufzubrechen. Welche Lebenshindernisse einen festhalten können. Das habe ich erst durch das Buch bemerkt: dass auch Abrahams Vater schon versuchte zu gehen. Aber der kam nicht weit. Der Schmerz über den Tod seines Sohnes Haran holte ihn ein. Nie habe ich überlegt, warum der Sohn den gleichen Namen trägt wie die Stadt, in der er hängen blieb: Haran. Er kann nicht aufbrechen, weil ihn der Schmerz am alten Ort festhält. Ich tauche ein in die Ströme und Auslegungen der Geschichten. Das Buch erzählt Geschichten der hebräischen Bibel mit einem gehäuften Maß an Kenntnis. Sie geht aber so in den Erzählungen auf, dass sie mir nicht den Spaß daran verdirbt.

Es gibt Bücher, die sind wie ein Sprungbrett. Es lockt mich einfach, erst darauf zu wippen, Schwung zu holen für meine Gedanken, und dann Kopf voraus hinein ins erfrischende Element.

Sommerzeit. Lesezeit. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich das erlauben. Und tun, was heute nicht mehr oft vorkommt. Dinge lesen, die sich lohnen. Obwohl wir wahrscheinlich durch unsere Smartphones und Mails und all das mehr lesen als jemals Menschen vor uns. Den ganzen Tag. Aber jetzt hätten mal die großen Fragen Platz. Nach unserem Verständnis vom Sinn des Lebens, unseres menschlichen Daseins und unserer Aufgabe in dieser Welt. Die Frage nach Gott steckt in ihnen allen. Jetzt braucht es nur noch ein Sprungbrett für die Gedanken dazu.

Schöne Sommerwochen wünscht Ihnen Andrea Luiking, Pfarrerin der Versöhnungskirche in Ummendorf

Geistlicher Impuls: Das Jahr steht auf der Höhe

Pfarrerin Margit Bleher, Referentin Dekanat Biberach

Heute habe ich an der B 312 das erste Johanniskraut gesehen und in unserem Garten färben sich langsam, aber sicher die Johannisbeeren. Am kommenden Sonntag, dem 24. Juni, ist Johannistag. Lange Abende auf der Terrasse, abends noch eine Runde mit dem Rad, blühende Rosen mit einem betörenden Duft, –  das Jahr steht auf der Höhe, zeigt uns die Fülle des Lebens.

In diese Fülle scheint der, dem dieser Tag gewidmet ist, gar nicht so recht zu passen: Johannes der Täufer. Unangepasst, kritisch, nicht zögerlich in seiner Wortwahl, asketisch im Lebensstil. Der 24. Juni ist sein Geburtstag, nach dem Lukasevangelium ist er genau 6 Monate vor Jesus geboren.

Johannes und Jesus, die beiden Vettern, haben sich gegenseitig geschätzt. Jesus ließ sich von Johannes im Jordan taufen.

Der Gedenktag Johannes des Täufers liegt um die Tage der Sommersonnenwende. Von jetzt an werden die Tage wieder kürzer. Das ist kaum zu glauben, der Sommer beginnt doch erst und doch ist es so: drei Minuten in der kommenden Woche, 8 Minuten und dann sogar 12 Minuten pro Tag. Manche Menschen macht das melancholisch.

Johannes verstand sich als Vorläufer und Wegbereiter Jesu.  Wo diese Gegenwart des Göttlichen in sein Leben tritt, öffnet sich Johannes einer neuen Wirklichkeit – er lässt den wirken und Raum gewinnen in sich, von dem er sagt: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“

Es mag eigentümlich klingen, wenn ich Sie heute an Weihnachten erinnere. Doch der Beginn dieses „Er muss wachsen“ liegt tatsächlich in der Krippe. Die Weisheit unserer mystischen Tradition wusste diesen Ort schon immer in unserem Inneren. Stall und Krippe sind Symbole unserer gebrechlichen irdischen Existenz. Und so heißt es: „Wär‘ Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärst auf ewig noch verloren.“ (Angelus Silesius).

Diesen „Christus in uns“ gilt es auszutragen in diese Welt, er will in uns wachsen.

Christus hat viele Gesichter und Gott hat viele Weisen uns in sein Bild zu verwandeln. Deshalb ist jeder und jede ganz anders gefragt, über sich hinaus zu wachsen. Notwendige Voraussetzung dafür scheint in jedem Fall zu sein, „abzunehmen“, also die eigenen Eitelkeiten und Selbstbehauptungsspiele zurück zu nehmen, damit neue Energien frei werden können.

Es mag sein, dass einer jenseits der eigenen Berufskarriere eine neue Berufung findet – in der Familie, ehrenamtlich, im Gemeinwesen. Mag sein, dass sich jemand plötzlich von einem festgefahrenen Lebensstil verabschiedet, die Einfachheit entdeckt und so der eigenen Seele auf die Spur kommt.

Auf der Höhe des Jahres führt uns Johannes der Täufer auf den Gipfel seiner Selbst-Erkenntnis und Einsicht. Jenseits unserer oft scheiternden oder mühevollen Versuche, ein eigener Mensch zu werden, ist noch etwas im Schwange, das wachsen will.

Darum muss uns der Johannistag nicht melancholisch machen, sondern zuversichtlich im Vertrauen auf den, der das gute Werk, das er bei uns begonnen hat, auch vollenden wird.

In diesem Sinne einen gesegneten Sommer, der Sie die Fülle des Lebens schmecken lässt.

Pfarrerin Margit Bleher, Referentin beim Dekan