Biberacher Pfarrkonvent in Brüssel

Biberacher Pfarrkonvent in Brüssel

Seine diesjährige Fortbildungsklausur nutzte der Pfarrkonvent im Evangelischen Kirchenbezirk Biberach in der letzten Woche zu einem fünftägigen Besuch in der EU-Hauptstadt Brüssel. Dabei absolvierten die Pfarrerinnen und Pfarrer ein ambitioniertes Programm, bei dem sie die wesentlichen Einrichtungen der Europäischen Union, die sich gegenseitig kontrollieren und ergänzen, in ihrer Funktionsweise kennenlernten.

Den Auftakt bildete ein Besuch bei der EU-Kommission. Ein besonderer Höhepunkt war hier das halbstündige Gespräch mit EU-Kommissar Günther Oettinger. „Überlegen Sie für einen Augenblick: ‚Es gibt Europa nicht‘“, so eröffnete Oettinger das Gespräch mit der Pfarrersrunde und verwies auf die inzwischen 60jährige Erfolgsgeschichte der EU. Ohne EU gäbe es nicht den größten Wirtschaftsraum mit über 500 Millionen Bürgern mit unzähligen Erleichterungen durch grenzüberschreitenden Handel, Verkehr und Tourismus. Ohne EU gäbe es aber auch keinen Frieden auf dem Balkan. Bezugnehmend auf die derzeitigen Aufnahmeverhandlungen mit Serbien sprach sich Oettinger vehement für einen positiven Ausgang aus: „Wir können Flüchtlinge als künftige Bürgerkriegsflüchtlinge vermeiden, wenn die Beitrittsperspektive für Serbien positiv ist.“

 

Die EU sei eben nicht nur ein Binnenmarkt sondern vor allem eine Friedensunion und Wertegemeinschaft. Mit Verweis auf die in Biberach ansässige Pharmabranche meinte Oettinger: „So wichtig der Pharmaexport oder der Export von Luxuslimousinen ist, wichtiger ist der Werteexport“. Schlussendlich sein Fazit: „Würde man eine Woche Europa abschalten, die Menschen würden wissen, wozu sie Europa brauchen.“

 

Vom Europaabgeordneten des hiesigen Wahlkreises Norbert Lins (EVP/CDU) (links, Foto: Schmogro)) wurde die Pfarrerschaft in die Arbeitsweise des EU-Parlaments eingeführt. Beeindruckt war die Besuchergruppe, wie sehr auf allen EU-Ebenen der gleichwertige Austausch mit allen 28 EU-Mitgliedsstaaten funktioniert. So werden alle Äußerungen und Veröffentlichungen in die 24 Amtssprachen übersetzt – ein enormer Aufwand, der aber auch äußerst friedensstiftend wirkt. „Sich in die Befindlichkeiten der anderen hineinversetzen“, das ist – so Lins – prägend für den Geist, der in allen EU-Institutionen anzutreffen ist.

 

Auch ein Informationsbesuch beim Rat der Europäischen Union stand auf dem Programm, also jener Einrichtung, bei der sich die Staatsoberhäupter der EU unter EU-Ratspräsident Tusk oder die jeweiligen Fachminister treffen.

 

Nach dem Kennenlernen der EU-Institutionen ging es weiter mit dem Kennenlernen der „Lobbyisten“:

Naheliegenderweise suchte hier die Gruppe zunächst das Gespräch mit den Kirchenvertretern der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) im EKD-Büro Brüssel sowie mit der „Konferenz europäischer Kirchen“ (KEK).

 

Die juristische Referentin im EKD-Büro, Julia Eichler, erläuterte, warum die EKD in unmittelbarer Nachbarschaft zu den EU-Einrichtungen ein Büro unterhält: Es hat die Aufgabe eines „Frühwarnmechanismus“, um das kirchliche Selbstbestimmungsrecht oder auch das kirchliche Arbeitsrecht, das in Deutschland anders als in den meisten anderen europäischen Staaten geregelt ist, zu schützen. Hier gelte es, möglichst gut vernetzt sehr frühzeitig Informationen aus den EU-Einrichtungen an die deutschen Kirchenleitungen und die Diakonie weiterzuleiten und umgekehrt Informationen aus Deutschland nach Brüssel einzuspeisen.

 

Wie bei allen Besuchen – mit Ausnahme im EKD-Büro – hat der Pfarrkonvent geduldig die Sicherheitsschleusen auch beim Besuch der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland über sich ergehen lassen. Auf Sicherheit wird überall geachtet. Und auch im Stadtbild Brüssels sind neben viel Polizei auch die patrouillierenden schwerbewaffneten Soldaten – es herrscht Sicherheitsstufe 3 – nicht zu übersehen.

 

Am letzten Donnerstagabend kam die Pfarrerschaft auf Einladung von EU-Kommissar Oettinger noch überraschend zum Empfang in die Baden-Württembergische Landesvertretung in Brüssel und wurde dort nicht nur vom Leiter sondern auch vom württembergischen Justizminister Guido Wolf (2.v.l. vordere Reihe, Foto: Schmogro) begrüßt. Bei Getränken aus staatlichem Weingut und staatlicher Brauerei wurde es bei manchen Kolleginnen und Kollegen ein langer Abend, bevor es am Freitag nach intensiven Tagen nun zurück wieder in den Arbeitsalltag – und auch ein wenig in die Schützenwoche – geht.

 

Studienleiter Nils Bunjes vom Europa Zentrum Baden-Württemberg, der die Fortbildungstage organisierte, stellte zufrieden fest, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer „als andere“ heimkehren. In der Tat haben sich alle Teilnehmer sehr beeindruckt gezeigt und denen, die als Politiker aber auch als Beamte und Angestellte der Behörden sich in Brüssel engagieren, hohen Respekt für ihre Arbeit für ein friedliches gemeinsames Europa gezollt.

 

Pfr. Peter Schmogro

Fortbildungsklausur

Seine diesjährige Fortbildungsklausur nutzte der Pfarrkonvent im Evangelischen Kirchenbezirk Biberach in der letzten Woche zu einem fünftägigen Besuch in der EU-Hauptstadt Brüssel.